Nach der Wahl: Ich‐Erzähler erzählen über Ostdeutschland

Oh, diese Ostdeutschen! Diese Ostmänner! Nach der Bundestagswahl 2017 zeigen sie vor allem: Die gesamtdeutschen Zeitungsmacher_innen verstehen sie einfach nicht. Was läge also näher, als sich diese Spezies einmal genauer anzusehen? Doch diesmal ist alles schwieriger, schließlich fühlen sich diese Menschen nicht verstanden. Welch Rätsel, dass den westdeutschen Qualitätsmedien da gestellt wird!

Doch Lösung naht! Und sie lautet: Betroffenheitsjournalismus. Dabei geht es nicht nur um die Texte, ihre Beobachtungen und ihre Schlussfolgerungen. Nein, es geht auch um die Menschen hinter den Texten. Denn sie sollten etwas mit Ostdeutschland oder besser noch mit der DDR zu tun haben. Oder besser noch: Betroffene sein.

Dieser Ansatz war so naheliegend, dass kaum eine wichtige Zeitung in Deutschland in den Tagen nach der Bundestagswahl ohne einen entsprechenden Text blieb. Irgendwie schaffte es fast jede Redaktion Menschen mit Ost‐Biografie, Ost‐Erfahrung oder zumindest Ost‐Bekanntschaften auszugraben.

Soviel Osten auf einmal war selten. Wir bieten daher einen Überblick zu diesen Texten. Damit alle endlich etwas über den Osten lernen. Aus erster Hand. Oder aus zweiter Hand. Oder von jemanden, der mal jemanden kannte, der früher was von jemandem gehört hat.

Wer diese Liste ergänzen möchte — gerne bei uns melden!

Der Ostmann

Näher dran ist keine andere Kategorie, denn der „Ostmann“ stand seit dem Wahlergebnis im Mittelpunkt der Diskussion. Nur in dieser Kategorie wird nicht über ihn geredet, hier redet er selbst. Und man kann feststellen: Offenbar gibt es nicht allzu viele Ostmänner, die bundesweit über sich schreiben.

  • Titel: „Oh, Ostmann!“
    • Erschienen in: Die Zeit
    • Zitat: „Ich bin ein ostdeutscher Mann, und eigentlich hatte ich eine Ehrenrettung schreiben wollen.“
  • Titel: „Ich bin der ostdeutsche Mann“
    • Erschienen in: Berliner Zeitung
    • Zitat: „Ich schreibe diese Zeilen als Betroffener. Ich bin seit meiner Geburt ein ostdeutscher Mann. Für meine Mutter war das nie leicht, zumal auch mein Bruder trotz aller ärztlichen Bemühungen ein ostdeutscher Mann wurde.“

Bonus: Der Ostmann im Westen

Wenn man als Redaktion keinen Ostmann im Osten zur Hand hat, kann man ja zumindest einen Ostmann nehmen, der im Westen lebt. Seit über 10 Jahren.

  • Titel: „AfD‐Erfolg bei der Bundestagswahl 2017: Hannes (30) aus Thüringen vergleicht das Revier mit seiner Heimat“
    • Erschienen in: Der Westen
    • Zitat: „Hannes Bieler (30) kommt aus Roßleben in Thüringen. Wie nahezu alle seiner Klassenkameraden kehrte er seiner Heimat nach Abi und Zivildienst den Rücken. Ihn zog es vor elf Jahren in den Westen.“

Die Ostfrau

Immerhin kommt auch sie aus dem Osten und kennt sowohl Land als auch Leute/Männer aus eigener Anschauung. Das ist pures Betroffenheitsgold! Kein Wunder, dass es davon mehrere Texte gibt.

  • Titel: „Die späte Rache der Ossis“
    • Erschienen in: die tageszeitung (taz)
    • Zitat: „Was ist los mit dem Land, in dem ich geboren worden bin und eine glückliche Kindheit hatte? In dem ich studiert habe und das ich – ich kann nicht anders – nach wie vor meine Heimat nenne.“
  • Titel: „Wir Ossis sind nicht alle Neonazis!“
    • Erschienen in: Der Tagesspiegel
    • Zitat: „Bei all dem Ostbashing gestehe ich hier: Ich bin Ossi. Bin ich jetzt auch Neonazi? Zumindest Neonazi‐Versteherin?“
  • Titel: „Kaum läuft was schief, sind die dumm‐naiven Ossis schuld“
    • Erschienen in: Nordkurier
    • Zitat: „Die Wahrheit wollen sie uns erzählen, über uns Ostdeutsche, deren Männer zu mehr als einem Viertel AfD gewählt haben.“
  • Titel: „Werden die Ossis zu nett behandelt?“
    • Erschienen in: Die Zeit
    • Zitat: „Ich bin in Ostdeutschland aufgewachsen, ich lebe hier. Ich treffe täglich irgendwen, der AfD gewählt hat. Diesen Leuten geht es nicht mehrheitlich schlecht. Ihre Wahl war kein Akt der Verzweiflung, sondern einer der gefühlten Emanzipation. Und: eine politische Entscheidung.“

Bonus: Die Ostfrau im Westen

Da gab es doch diese Frau aus dem Osten in der Redaktion? Die immer wieder Wert darauf legt, dass sie ja gar nicht mehr Osten lebt? Die soll mal was schreiben! Wir haben ja sonst keinen für das Thema.

  • Titel: „Immer auf den Osten“
    • Erschienen in: Die Welt
    • Zitat: „Ich bin zwar kein Mann, aber ich bin auch aus dem Osten. Man sieht es mir nur nicht an, denn ich lebe nicht mehr im Osten, sondern schon sehr lange im Westen. Ich wohne schon länger im Westen, als ich im Osten gewohnt habe, länger als die DDR untergegangen ist. Ich wohne in einem Stadtteil von Berlin, der so westlich ist, wie kaum ein anderer, und soweit ich es überblicken kann, bin hier weit und breit die Einzige aus dem Osten. Ich arbeite auch im Westen, nicht nur geografisch, sondern auch politisch, nämlich bei einem Zeitungsverlag, der den Osten, als es ihn noch gab, bekämpft hat, so lange, bis er untergegangen war.“
  • Titel: „AfD im Osten: Ich verstehe das Ergebnis in meiner Heimat nicht“
    • Erschienen in: „Neue Westfälische“
    • Zitat: „Ich lebe bereits seit 2003 in Nordrhein‐Westfalen. Als ich hierher zog war ich 19, aufgewachsen bin ich aber in Cottbus. Das ist meine Heimatstadt, so sehe ich sie auch heute noch.“

Der Westbesuch

Sehen wir der Wahrheit ins Auge — viele Redaktionen in Deutschland kennen gar keine echten Ost‐Menschen. Seitdem es keine West‐Pakete mehr gibt, ist schließlich der letzte Kontakt abgerissen. Und eigentlich muss man auch nicht viel über sie wissen: Was Politik und Klamotten angeht, werden sie ewig hinterherhinken und ansonsten sind sie zu langweilig und egal, um etwas über sie wissen zu müssen. Aber um etwas Empathie zu simulieren, da gibt es ja zum Glück noch die älteren Kollegen. Die sollen einfach mal von früher reden.

  • Titel: „Die Unsolidarischen — über den Erfolg der AfD bei ostdeutschen Männern“
    • Erschienen in: Stern
    • Zitat: „Ich habe die DDR von den 60er‐Jahren, als ich noch ein kleines Kind war, bis zu ihrem Ende nahezu jedes Jahr mindestens einmal besucht.“
  • Titel: „Vom letzten Tag der DDR“
    • Erschienen in: Süddeutsche
    • Zitat: „Ich saß also am letzten Arbeitstag der DDR‐Justiz im Amtszimmer des Gerichtsdirektors an der Littenstraße. Und ein paar Szenen, die Stimmung dieses Tages dort, möchte ich Ihnen heute schildern, weil am Dienstag der Tag der Deutschen Einheit gefeiert wird — genau 27 Jahre ist das alles nun her.“
  • Titel: „DDR‐Korrespondent liest auf dem Campus“
    • Erschienen in: Rheinische Post
    • Zitat: „Kaum ein Journalist hat das letzte Jahrzehnt der DDR so nah erlebt, wie der aus Heiligenhaus stammende Peter Wensierski. Als jüngster westlicher Reisekorrespondent schrieb er ab 1979 Berichte und Reportagen über das Leben hinter dem „eisernen Vorhang“ und hatte Einblicke in Lebenswelten und Gedanken der Menschen dort.“

Auslandsbesuch

Wir Deutschen, wir haben uns ja immer so schwer mit unserer geteilten Vergangenheit. Warum nicht mal einen britischen Historiker zu Wort kommen lassen? Der ist nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Ausländer. Dem stellen wir dann auch mal die Fragen, die wir uns in Deutschland auch stellen. Aber nicht wagen zu sagen. Jetzt aber!

  • Titel: „Ostdeutschland war von Anfang an ein Fehler, sagt dieser Historiker“
    • Erschienen bei: Vice
    • VICE: Machen die Ostdeutschen uns alles kaputt?
    • VICE: Glauben Sie, dass der Osten gefährlich für Deutschland ist?

Wenn der Focus Ossis gucken geht

Es gibt Texte, die wärmen uralte Klischees über die „Ossis“ auf und lassen einen etwas ratlos zurück. Die fünfte Folge der Reihe „FOCUS sucht das echte Deutschland“ ist so ein Text. Er ist übertitelt mit „Linkenhochburg Strausberg: Wo manche die DDR für das bessere Deutschland halten“ Focus‐Redakteur Frédéric Schwilden besucht eine Hochburg der deutschen Parteien, in diesem Fall also Strausberg in Brandenburg.

Vorgetäuschte Reflexionen

Zu Beginn des Textes schreibt er ganz selbstironisch davon, dass er nun „Ossis gucken“ werde:

„Einfach dorthin fahren, wo man als Westdeutscher den edlen Wilden in Deutschland vermutet. Seit den ersten Pegida‐Aufmärschen in Dresden, seit der Aushebung der rechten Terrorzelle in Freital, seit dem angegriffenen Flüchtlingsbus in Clausnitz ist es eben in Mode gekommen, mindestens einen Fotoapparat, aber besser noch eine Kamera mit Licht und Mikrofon auf den Ostdeutschen zu richten. Darauf zu warten, dass er die Zähne fletscht, sich auf die Brust schlägt oder den Hitlergruß zeigt, sein Revier verteidigt und danach genüsslich beim Discounter eine Banane und ein Dosenbier kauft.“

Da freut sich das einwende‐Herz, denn soviel journalistische Selbstreflexion ist selten. Und doch bleibt ein schaler Beigeschmack. Können wir Stereotype aufbrechen, wenn sie erneut vorgekaut werden? Befriedigen diese Bilder nicht einfach nur die westdeutsche Sicht auf die „da drüben“?

Denn eines fällt auf: In den übrigen Folgen der Focus‐Reihe passiert das nicht. Da steigt der Journalist mit Details und Personen ein. In der CDU‐Folge über Groß Berßen nimmt Schwilden Schweineschnitzel, Klinker‐Häuser und Christian Wulff in den Fokus. Zu den Grünen in Tübingen geht es gleich zu Beginn um Inge und Walter Jens. Und zu Jachenau (CSU) fällt Schwilden der durchaus poetische Satz ein: „jeder der 848 Einwohner hat eine Geschichte, die größer ist als 128 Quadratkilometer, die mindestens so groß ist wie die ganze Welt.“ Zu Strausberg fällt Schwildens Charakterisierung ungleich profaner aus:

„In der Kleinstadt Strausberg (26.213 Einwohner) in Brandenburg trifft man keine edlen Wilden, sondern echte Menschen aus Fleisch und Blut und mit Hirn.“

Links aber besser

Wir erinnern uns: Strausberg wurde in die Focus‐Reihe aufgenommen, weil hier überdurchschnittlich viele Menschen die Linkspartei wählen. Das muss man betonen nachdem es im ersten Absatz um Pegida, rechte Terrorzellen und Hitlergruß ging. Wie bekommt der Artikel da die Kurve zu einer Partei, die mit diesem Phänomen nichts zu tun hat? Schwilden fällt dazu ein clever konstruierter Satz als Überleitung ein:

„Strausberg ist die Hochburg der Linkspartei.“

Und er fährt fort:

„In Strausberg sind noch immer Menschen, die die DDR als das bessere Deutschland empfinden.“

Das Problem mit diesem Satz, der es ja auch in die Überschrift geschafft hat: Er wird nicht belegt. Weder an dieser Stelle, noch im restlichen Artikel. Wenn Schwilden diese Menschen getroffen hat, haben sie es nicht in seinen Text geschafft. Wenn er sie nicht getroffen hat, ist es ein Vorurteil. Beides ist zumindest unsauberer Journalismus.

Gefährliche Nostalgie

Später im Artikel spricht Schwilden von einer „gefährlichen Nostalgie“. Es geht um den Linke‐Abgeordneten Christian Steinkopf. Über ihn heißt es im Text: Er war Soldat in der DDR, Geschäftsführer einer Sicherheitsfirma und er hat Geschäfte für eine Spedition in Russland gemacht. Der DDR attestiert er akute demokratische Defizite, die er „nicht so schrecklich“ findet. Stasi‐Gefängnisse hält er für rechtmäßig, da deren Insassen gegen Gesetze verstoßen hätten und er schätzt die DDR als Rechtsstaat ein. Das größte Problem Deutschlands sei, „dass wir die Widersprüche von Arm und Reich nicht lösen können“.

Viele Ansichten von Steinkopf kann man kritisieren, seinen Lebenslauf vielleicht auch. Doch all das macht der Text nicht. Er setzt den Abgeordneten in den Kontext der „gefährlichen Nostalgie“ und erklärt doch nicht, was daran gefährlich sein soll. Das ist gefährliche Argumentationslosigkeit, denn Schwilden fällt ein Urteil ohne es zu belegen.

Stasi aus heiterem Himmel

Aber halt! Ein Artikel mit Stereotypen, Klischees und Vorurteilen über den Osten ohne Stasi? Kann das sein? Natürlich nicht! Im letzten Absatz ist das offenbar auch Frédéric Schwilden aufgefallen:

„In Strausberg sieht man, dass der Verstand von Sahra Wagenknecht und die Bürgerlichkeit von Dietmar Bartsch 2017 noch immer nicht reichen, um stasifrei zu sein.“

Wohlgemerkt: Im Artikel war die Stasi bis auf die Bewertung der Gefängnisse kein Thema. Aber für eine Zeitschrift, die mal wieder „Ossis gucken“ will, ist das offenbar kein Grund, auf sie zu verzichten.

„Supergeheimdienst“

Was ist ein Supergeheimdienst? Der MDR findet: Das ist der militärische Geheimdienst der Nationalen Volksarmee! Am 12.9.2017 zeigte der Sender einen Dokumentarfilm und kündigte ihn mit großen Worten an. Eine zentrale Aussage:

Dieser Geheimdienst war eine Art Supergeheimdienst der DDR, die NSA des Ostens. […]Riesige Datenmengen an Funk‐ und Faxverbindungen wurden von Dessau aus abgefangen, gespeichert und ausgewertet. Selbst bei den Telefonaten des US‐Präsidenten in der Air‐Force‐One lauschte die DDR mit.

Die Ankündigung zitiert aber auch einen Techniker. Das klingt schon deutlich weniger brisant:

„An der Wand standen riesige Verteilerschränke. Außerdem gab es Antennenverteiler und -verstärker für die Aufklärungsarbeitsplätze.“

Was davon kann nun die Dokumentation einlösen? Schauen wir also in den Film, der in der ARD‐Mediathek abrufbar ist.

Supergeheim?

Gleich zu Beginn erhält der Begriff „Supergeheimdienst“ eine etwas andere Definition. Der Begriff meint nämlich nicht einen unglaublich mächtigen Geheimdienst, sondern einen unglaublich geheimen Geheimdienst. Als Stichwortgeber dient ein Ausschnitt aus einer Tagesthemen‐Sendung von 1992. In diesem Jahr sei die Existenz des Geheimdienstes erstmals öffentlich geworden:

„Es gibt sogar Geheimdienste, die sind so geheim – supergeheim – dass praktisch keiner von ihrer Existenz oder ihren Leuten weiß. In der DDR existierte so ein „Supergeheimdienst“ neben der Stasi. Das war der Geheimdienst der Nationalen Volksarmee.“

Dumm nur: Kurz später in der Dokumentation kommt Bodo Hechelhammer, Chefhistoriker des BND, zu Wort. Er stellt fest:

„Erst Mitte der 1990er Jahre wurde das Schild „Bundesnachrichtendienst“ hingehängt. Und ich bin mir nicht sicher, ob jeder in der Bundesrepublik Deutschland – hätte man ihn gefragt – wo denn der entsprechende Auslandsnachrichtendienst seine Zentrale hat, von seiner Existenz oder seiner Zentrale gewusst hätte.“

Als der NVA‐Geheimdienst 1992 öffentlich wurde, wussten die Menschen aus der BRD also nicht einmal von der konkreten Existenz ihres eigenen Geheimdienstes. Erst 2014 erhielten weitere BND‐Dienststellen offizielle Schilder nach außen. Bis dahin blieben sie also geheim. Supergeheim, um in der Sprache der Dokumentation zu bleiben. Da der Film aber selbst den NSA‐Vergleich zieht: Der US‐Geheimdienst ist so supergeheim, von ihm wissen wir nicht einmal genau die Zahl der Angestellten und das Budget.

Super‐Aufgaben?

BND‐Mann Hechelhammer nennt auch die Aufgaben des Geheimdienstes der NVA:

  • Alle militärischen, militärpolitischen und rüstungstechnischen Informationen über die BRD sammeln
  • Informationen über militärischen Potenziale der BRD und Westalliierten sammeln
  • Frühzeitig Gefahren für DDR oder NVA erkennen.

Was der Film unterlässt, ist eine Einordnung in die Tätigkeiten ähnlich gelagerter Organisationen. So gehören zu den Aufgaben des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) der BRD:

  • Informationssammlung und -auswertung zu Zwecken der Spionage‐/Sabotageabwehr und der Extremismus‐ bzw. Terrorismusabwehr

Und beim Bundesnachrichtendienst gibt es unter anderem folgende Aufträge:

  • Gewinnung von Erkenntnissen über das Ausland, die von außen‐ und sicherheitspolitischer Bedeutung für die Bundesrepublik Deutschland sind.

Kurz gesagt: militärische Geheimdienste sollen Informationen zusammentragen, die für den militärischen Schutz interessant sein können.

Supergroß?

Bisweilen nennt die Dokumentation Zahlen, die groß wirken sollen. 1.000 Menschen haben beim NVA‐Geheimdienst gearbeitet, heißt es etwa. Ist das viel?

Beim MAD waren 1984 rund 2.000 Personen tätig. Und beim BND gab es 2016 etwa 6.500 Bedienstete. Und bei der NSA sind es wahrscheinlich 40.000 Menschen.

Mit einer weiteren Zahl möchte der Film die Macht des Dienstes unterstreichen: Mit der Sendestelle in Scheuder bei Dessau. Diese Sendestelle habe für den Kontakt zwischen Agenten und Zentrale gesorgt und sei so groß wie 15 Fußballfelder gewesen. Wie sieht das im Kontext aus? Auch hier lässt uns die Dokumentation im Dunkeln.

Schauen wir uns also die künftige BND‐Zentrale in Berlin an: Diese wird 36 Fußballfelder groß sein, also rund 260.000m². Der aktuelle Standort in Pullach ist mit 42 Fußballfeldern bzw. 30 Hektar sogar noch größer. Das NSA‐Hauptquartier ist mit 280.000 m² so groß wie 39 Fußballfelder – und allein das externe Daten‐Zentrum umfasst eine Größe von 7,8 Fußballfeldern.

Was lernen wir daraus?

  • Geheimdienste operieren geheim. Das mag banal klingen, man kann es aber offenbar nicht deutlich genug sagen, wenn es um sogenannte Stasi‐Methoden oder eben um den militärischen NVA‐Geheimdienst geht.
  • Kontext ist wichtig. Eben weil Geheimdienste für uns unbekannt sind, benötigen wir Vergleichsgrößen. Muss uns etwa eine Zahl aufschrecken? Ist eine Handlung besorgniserregend? Journalist_innen sollten da für uns einordnen und Zahlen nicht für hektische Effekte nutzen. Vor allem dann nicht, wenn sie es eigentlich nicht hergeben.
  • Nicht aufregen und nicht verniedlichen. Vergleiche sind immer schwierig, weil sie selten passen. Können wir geheimdienstliche Aktivitäten in der DDR, der BRD und der USA wirklich miteinander vergleichen? Zumal, wenn Jahrzehnte dazwischen liegen?

Das Nudossi‐Klischee: Nuss, Nougat und Nostalgie

Wer über den Brotaufstrich Nudossi spricht, muss zwangsläufig auch die Konkurrenz Nutella erwähnen. Das ist offenbar so auffällig, dass der Wikipedia‐Eintrag von Nudossi gleich im ersten Absatz das Thema verhandelt:

Die Bezeichnung „Ost‐Nutella“ ist nur bedingt zutreffend, da die Zusammensetzung mittlerweile völlig anders ist als noch zu DDR‐Zeiten und sich stark von Nutella und vergleichbaren Aufstrichen unterscheidet.

Und noch ein Aspekt unterscheidet die beiden Cremes voneinander: Nudossi wird nur über seine Herkunft wahrgenommen. Ein Artikel auf Zeit Online vom 11.9.2017 ist da ein schönes Beispiel. Denn über Nudossi wird darin auf folgende Weise gesprochen:

  • [es gibt Menschen], die sich nach den guten alten Dingen sehnen
  • alte DDR‐Marke
  • Bis heute schmieren sich viele Ostdeutsche mit Nudossi allmorgendlich eine Schicht Sehnsucht auf die Stulle.
  • die Marke, die immer von diesem süßen Gestern lebte
  • DDR‐Kultmarke
  • die Sehnsucht nach einem Produkt von damals befriedigt
  • Der hohe Nussanteil geht zurück auf die Mangelwirtschaft der DDR
  • der neue ostdeutsche Öko‐Mut
  • sein größtes Geschäft [bleibt] das mit der Nostalgie. An Nostalgie darf man nichts verändern.
  • das Ost‐Original bleibt aber in Plaste

Essen als Erinnerung

Fassen wir also zusammen: Nudossi kommt aus der DDR und steht für Nostalgie und Sehnsucht. Das ist bemerkenswert, denn Essen funktioniert oft darüber, dass der Geschmack an die eigene Kindheit erinnert. Das nutzt die Lebensmittel‐Industrie gezielt aus, wie die Augsburger Allgemeine 2014 berichtete. Und 10 Jahre zuvor war der 40. Geburtstag von Nutella Anlass für eine Ausstellung. Der Werbetext damals:

Für die „Generation Golf” ist sie eine süße Erinnerung an die Kindheit, für Ernährungswissenschaftler ein Graus: Die Schokoladencreme „Nutella”.

Abseits davon wird Nutella vergleichsweise selten als West‐Produkt charakterisiert, stattdessen spricht man lieber von „Deutschlands Liebling bei den Nuss‐Nougat‐Cremes“ (so etwa der Stern).

Nudossi hingegen kommt ohne die ausdrückliche Zuschreibung einer nostalgischen Vergangenheit nicht aus. Und wird damit klar reduziert. Denn dann spielen qualitative Unterschiede keine große Rolle — oder werden kritisch zur Kenntnis genommen. „36 Prozent Haselnuss sollen drin sein“, schreibt Werben & Verkaufen vorsichtig‐ungläubig – bei Nutella sind es 13 Prozent.

Nostalgie allein verkauft nicht

Wenn aber etwas rückwärtsgewandt ist, dann ist es der Bezug auf die Herkunft von Ost‐Produkten als Produkte aus dem Osten. Die Hersteller haben nämlich längst erkannt: Die Nostalgie‐Schiene funktioniert nicht mehr (so die Sächsische Zeitung im Jahr 2015). Einfacher Grund: Der Generationenwechsel. Der Kauf aus DDR‐Nostalgie ist inzwischen nur noch ein ständig wiederholtes Klischee.

Damit wären wir wieder beim eingangs erwähnten Artikel der Zeit. Denn er schwingt nicht nur die Nostalgie‐Keule, sondern berichtet auch über ein neues Nudossi‐Produkt, das auf Palmöl verzichtet. Damit will das Unternehmen nicht nur einen weiteren qualitativen Vorsprung zur Nutella‐Konkurrenz setzen – es will sich auch abseits seines Nostalgie‐Klischees positionieren. Doch solange Medien diese Vorurteile unkritisch wiederholen, haben es alle Ost‐Produkte schwer gegen „Deutschlands Liebling“ jeder Art.

Update

Josa Mania‐Schlegel, Autor des Zeit-Artikel, verweist auf die Radiospots von Nudossi, die tatsächlich sehr stark an Nostalgie appellieren. Auch die Unterstützung ostdeutscher Sportler_innen zeigt eine starke regionale Verortung:

Mehrwegtaschen und die DDR

Aldi wird ab Ende des Jahres keine Einwegtaschen mehr verkaufen. Stattdessen wird es Mehrwegtaschen aus Recyclingmaterial geben.

Aber bevor wir uns freuen: Was hat das eigentlich mit der DDR zu tun?

Taschen‐Check

Nun, die Welt schüttelt den DDR‐Bezug locker aus der Assoziationskette. Und das geht so:

Bei Aldi gibt es in Kürze keine Einwegtüten mehr, weder aus Plastik noch aus Papier. Man sagt, das sei gut für die Umwelt. Man sagt, das sei fortschrittlich. In Wirklichkeit droht jedoch die Rückkehr von DDR‐Verhältnissen in deutschen Supermärkten.

Oh Schreck! DDR im Supermarkt! Die Vorstellungen an leere Regale (Bananen!) und Kohl (nicht Helmut!) führen da zuverlässig zu Schnappatmung. Es gibt aber noch Aspekte in diesem Horror‐Szenario, die bislang kaum gewürdigt worden sind — und die malt Finanz‐Redakteur Frank Stocker in den dunkelsten Farben aus:

Denn entweder kauft man dann jedes Mal einen Jutebeutel oder ähnliche Tragehilfen zu fürstlichen Preisen, oder aber man läuft von morgens bis abends stets mit Beutel umher, eben wie damals in der DDR.

Was könnte schließlich dem Freiheitsversprechen der westlichen Zivilisation stärker zuwiderlaufen als Zwang? Entweder Geld für Umweltschutz ausgeben oder sich ständig mit einen Beutel abschleppen müssen: Was könnte es Schlimmeres geben?

Fakten‐Check

Zum Beispiel einen Journalisten, dem es um dumpfe Polemik, nicht aber um Fakten geht. Im Kern plädiert Stocker für eine Beibehaltung der Plastiktüten, weil Mehrwegtaschen die Ökobilanz nicht verbessern würden.

„Dem Fakten‐Check hält dieses Argument allerdings nicht stand“, schreibt dazu das Online‐Magazin watson aus der Schweiz. Es verweist auf Untersuchungen des Eidgenössischen Materialprüfungs‐ und Forschungsanstalt EMPA. Recycling‐Mehrwegtaschen mit dem Label „Blauer Engel“ wiesen demnach eine bessere Ökobilanz auf als alle anderen getesteten Taschen.

Und Frank Stocker selbst weist nicht gerade die beste DDR‐Bilanz auf. Oder mit anderen Worten: Er war offenbar kein Opfer der Taschen‐Diktatur der DDR. Auch wenn man den Schmerz ob der Plastik‐Entsagung in seinem Text förmlich spüren kann. Dafür hat er ein Buch mit dem Titel „Wunderbare Schein‐Welt“ geschrieben.

Lesetipps

Danke an Lars für den Hinweis!

Aktuelle DDR‐Vergleiche #29 – Türkei

Wie schlecht es um internationale Beziehungen steht, merkt man daran, dass man mit der DDR vergleicht. Zwischen Deutschland und der Türkei ist jetzt soweit. Ganz offiziell, denn Finanzminister Wolfgang Schäuble hat der Bild‐Zeitung gesagt:

„Die Türkei verhaftet inzwischen willkürlich und hält konsularische Mindeststandards nicht ein. Das erinnert mich daran, wie es früher in der DDR war.“
(zitiert nach FAZ)

Das ist auf protokollarischer Ebene nur noch Schritt entfernt vom Nazi‐Vergleich, bei dem der türkische Präsident Erdogan längst angekommen ist. Man nähert sich also an.

Ernst

Aber was ist dran am DDR‐Vorwurf? Das fragt der Nordkurier aus Neubrandenburg. Er untersucht die Reisefreiheit (besser als in der DDR), Demokratie (Erdogan frei gewählt, Zettelfalten in der DDR), Medien (noch gibt es freie Presse in der Türkei) und Religion (Theorie und Praxis in beiden Staaten schwierig). Auf die konkreten Vorwürfe von Schäuble — Verhaftungen und konsularische Mindeststandards — geht der Nordkurier allerdings nicht ein. Und nimmt die zugespitzte Formulierung Schäubles damit ernster als sie gemeint war.

Und auch Egon Krenz nimmt Schäuble ernst:

„Sein jetziger Vergleich ist genauso absurd, wie der Vergleich der Bundesrepublik mit dem Nazireich durch Erdogan.“
(lt. dpa, zitiert nach Sächsische Zeitung)

Heiterkeit

Türkei, DDR: Es ist, als müssten alle etwas dazu sagen. Und weil auf jedes Drama eine Komödie folgt, kümmern sich auch die Glossen darum. So greift Hans Zippert in der Welt in die Mottenkiste: Keine Autos aus Pappe, ausreichend Bananen und Sportler ohne Doping. Lustig! Das beruhigt das westdeutsche Publikum und gibt ihm etwas zum schmunzeln.

Geht da nichts mehr außer Aufregung und Belustigung? Doch: Ausgerechnet das Nachrichtenportal von Yahoo findet einen Kommentar abseits von Ernst und Heiterkeit:

„Es bedarf keiner Dämonisierung oder eines Schubladentransfers, um die aktuellen Entwicklungen in der Türkei zu beschreiben.“

Die taz muss in Marzahn müssen: Irgendwie schön

Die taz wirft einen Blick auf den Berliner Ortsteil Marzahn. Und gleich eine ganze Serie widmet man dem Bezirk! Aber sie wirft auch die Frage auf, ob die Zeitung wirklich will. Oder doch nicht nur muss.

Die Einleitung mit Perspektiven

Nehmen wir nur die Einleitung. Überschrieben ist sie mit „Der Blick von der anderen Seite“. Welcher Blick? Welche andere Seite? Der Text beschreibt den Aufstieg auf den „Skywalk“, einer Aussichtsplattform im 21. Stockwerk eines Hochhauses. Und was sehen die Menschen von hier oben? Dem Text fällt als erstes ein: „den Westteil der Stadt“. Denn man sehe Berlin von hier „mal aus einer anderen Perspektive. Von oben, von Marzahn aus.“

Es ist also eine Frage der Perspektive und die taz möchte gerne mal eine andere einnehmen. Der Blick von der Plattform ist also mehr als metaphorisch, geradezu selbstrefentiell. Man merkt: Die Redaktion kennt bislang nur Stereotype über den Bezirk, die so vielfältig wie Plattenbauten sind. Und findet am Ende doch: „Ja, irgendwie schön hier in Marzahn.“ Aber „irgendwie schön“ ist es fast überall, besonders 70 Meter weit oben. Deutlicher kann die taz nicht formulieren, dass sie keine Ahnung von ihrem Thema hat. Aber trotzdem eine Meinung dazu.

Doch das will die taz ändern und findet sogar noch eine Rentnerin als Stichwortgeberin:

Die Dame ist fast 80 Jahre als und aus Gropiusstadt angereist, „weil ich den Ausblick mal von der anderen Seite genießen wollte“.

Das ehemals linke Blatt ist also zu einem Reiseführer geworden für die Westberliner Generation 65 plus, die in ihrem Ruhestand endlich Zeit und Mut hat, den Ostblock der eigenen Stadt zu erkunden. Irgendwie schön.

Der Hausbesuch im Konjunktiv

Doch die taz schaut nicht nur von oben herab, sie geht auch hin zu den Menschen. Für den Artikel „Die Freiheit im siebten Stock“ besucht sie deshalb ein Paar, das seit 1979 dort lebt. Darin steht dieser Satz:

Anders als die Bewohner sozialen Wohnungsbaus im Westen, die sich oft eher abgeschoben fühlten, heißt es von den Erstbeziehern in Marzahn, sie hätten hier alles mitgestaltet. Sie hätten immer gern hier gewohnt.

Hier wird nicht nur inhaltlich Ost und West getrennt, sondern vor allem sprachlich. Mit den Bewohnern im Westen wird eine emotionale Bindung konstruiert: Sie hätten sich abgeschoben gefühlt. Bei den Menschen im Osten hingegen: „heißt es“ und „sie hätten“ — und das sogar zweimal. Das ist der maximale Konjunktiv. Mehr Abstand kann ein Text gar nicht ausdrücken.

Notiz am Rande: Susanne Messmer, die Autorin des Artikels, stammt aus Marburg und schreibt ansonsten über China. Liegt ja fast so weit im Osten wie Marzahn.

Das Interview mit Nachfragen

Die taz hat natürlich auch ein Expertinnen‐Interview geführt, in diesem Fall ist Christine Hannemann die Gesprächspartnerin. Sie stammt aus Ostberlin, was bei solch einem Interview nicht oft passiert (hier unsere bisherigen Beispiele). Wie gut, dass die taz immer noch ihre Stereotypen hat (siehe oben). Denn nur so kann sie am Ende des Gesprächs diese Fragen einstreuen:

Was würden Sie einer syrischen Familie sagen, die aus einer Flüchtlingsunterkunft ausziehen muss und sich in Berlin bestenfalls eine Wohnung in Marzahn leisten kann?

Und was einer Mittelschichtsfamilie aus der Innenstadt, die aus ökonomischen Gründen dort hinziehen muss?

Müssen. Nicht leisten können. Ökonomische Gründe. Das sind also die Gründe, die für die taz für ein Leben in Marzahn sprechen, das auch ein Sinnbild des Ostens für die Zeitung ist. Irgendwie Platte. Irgendwie schön. Aber vor allem: Irgendwie unbekannt. Und irgendwie was zum Jubiläum machen müssen.

Die queer‐hinkende Stasi‐Inquisition der Zeit

Neulich in der Redaktion der Zeit:

„In unserer Überschrift fehlt noch was. Da soll das Thema Unterdrückung ganz differenziert…“

„Schreib einfach ‚Stasi‘ rein!“

„Super, danke. Was gibt’s heute in der Kantine?“

Dieses Gespräch mag ausgedacht sein – aber tatsächlich prangt diese Überschrift über einer Rezension der Zeit zum Essayband „Beißreflexe“ (Herausgeberin: Patsy l’Amour laLove). Sie lautet:

„Die queer‐feministische Gender‐Stasi“

Was soll das sein? Der Text selbst gibt nicht sonderlich viele Antworten. Er macht auch nicht transparent, ob der Begriff aus dem besprochenen Buch stammt oder vom Rezensenten. Der Begriff ist nicht einmal zentral im Text und wird nur an einer Stelle beiläufig erwähnt. Hier ist das komplette Zitat:

„Die eigene soziale und politische Position ist niemals rein. Das gilt für die in diesem Buch an den Pranger gestellte queer‐feministische Gender‐Stasi der akademischen Aktivistenszene genauso, wie für die protestierenden Polittunten um Patsy.“

Was queer und Überwachung verbindet

Was sich über den Text erschließen lässt: Der Essayband kritisiert, dass der ursprünglich befreiend gemeinte Begriff „queer“ in der deutschen Hochschul‐ und Aktivistenszene inzwischen anders zum Einsatz komme. Die menschlichen Körper sollten durch die Analysen von Michel Foucault und Judith Butler nicht mehr gesellschaftlich konstruiert sein, Identitäten sollten aufgelöst werden. Inzwischen gebe es aber eine „Sprachpolizei“ [im Artikel übrigens ohne Anführungszeichen], die die richtige Anwendung queerer Vorstellungen überwache. Bei Fehlverhalten werde mit Denunziation und Ausschluss gestraft. Im Text heißt es dazu:

„Aus einer radikalen sexualpolitischen Kritik ist eine moralische Kontrolle geworden. Wie konnte es zu dieser Form der Überwachungskultur kommen?“

Kritisiert wird die massive Selbstkritik an einer Homosexualität im Mainstream. Auch die Hierarchisierung von Diskriminierungserfahrungen steht in der Kritik, das Verhältnis von Lesben, Schwulen und Muslimen etwa sei schwierig. Und schließlich analysiert der Essayband: Es sei eine Vorstellung entwickelt worden, es gäbe eine Form von Subjektivität außerhalb von Herrschaftsverhältnissen. Er führt aus:

„Ein moralisch einwandfreies Wesen, vollkommen frei von Rassismus, Sexismus, Homo‐ und Transphobie. Ein queerer Unschuldsengel. Eben dieser Fantasie von Reinheit und Gewissenhaftigkeit verdankt sich die inquisitorische Atmosphäre, die sich innerhalb der queer‐feministischen Szene breitgemacht hat.“

Was Inquisition, Stasi und queer verbindet

Und da sind wir wieder bei der Überschrift. Aus einer Analogie – der Inquisition – erwächst die nächste – die Stasi. Dabei lassen sich durchaus Parallelen finden, grundsätzlich steht in allen drei Fällen die Überwachung von Weltbildern im Zentrum. Und da beginnen die Probleme, denn bereits diese Beschreibung ist sehr verkürzt. Schaut man genauer hin, gibt es immer weniger Ähnlichkeiten:

  • Die Inquisition waren kirchliche Gerichtsverfahren gegen Vertreter_innen einer Meinung, die gegen kirchliche Glaubensgrundsätze stand.
  • Die Stasi war Nachrichtendienst und Geheimpolizei, die unter anderem Menschen beobachtete, bei denen Verdacht auf politischen Widerstand oder Republikflucht bestand.
  • Die queer‐Auseinandersetzung ist genau das: Eine Auseinandersetzung, in der eine Bewegung und eine Theorie den besten Weg für sich suchen. Zu ihren Methoden gehören beispielsweise Essays, wie die in der Zeit rezensierten.

Zu den Aufgaben der Medien gehört es, solche Auseinandersetzungen kritisch und nachvollziehbar zu begleiten. Wenn die Vergleiche hinken und nicht einmal klar ist, ob es am rezensiertem Werk oder am Rezensenten liegt, dann ist das eher nicht gewährleistet.

Der gottlose Osten — Berichte zum Kirchentag

Es ist Kirchentag, vom 24. bis 28. Mai treffen sich evangelische Laien in Berlin und Wittenberg. Ein Kirchentag im Osten Deutschlands also – welch wunderbare Gelegenheit, den Glauben in Ostdeutschland zu besuchen. Finden jedenfalls einige Medien. Doch was haben sie entdeckt? Mangel, keinen Glauben, Hoffnung.

Es gibt nur einen Gott

Wenn es um Glauben in Ostdeutschland geht, dann geht es ums Christentum. Kein Text sagt das explizit, aber es geht um Protestantismus und Katholizismus. Nicht um spirituelle Bewegungen oder heidnische Religionen, nicht um Buddhismus oder den Islam – und schon gar nicht um Sozialismus oder Kommunismus.

Schließlich gibt es für das Christentum klare Zahlen: 14 Prozent zahlen etwa in Wittenberg Kirchensteuer, der Rest hat sich dagegen entschieden. Oder wie es Kerstin Decker im Tagesspiegel formuliert:

Nie war der Himmel blauer. Auch das ist ein Gottesbeweis, den verstehen auch die 86 Prozent der Wittenberger, die sich daran gewöhnt haben, ohne Beistand von oben zu leben.

Etwas fehlt

Wenn man den Berichten zum Glauben in Ostdeutschland glauben kann, dann geht es auch immer um einen Mangel:

„Ja, leider sei sie Atheistin; es klingt wie: Da kann man nichts machen!“ heißt es im Tagesspiegel.

„In Gefahr ist […] die gesamte Kultur, die das Religiöse hervorgebracht hat.“, schreibt Markus Decker in der Berliner Zeitung (Print‐Ausgabe vom 24.5.2017).

Und bei der ARD heißt es: „In den meisten Familien wachsen die Kinder schon in der dritten Generation ohne Kontakt mit religiösem Wissen und ohne Erfahrungen mit religiöser Praxis auf: ein Traditionsabbruch, der unumkehrbar scheint.“

Vorteile gibt es wohl nicht beim Schwinden des Christentums, wenn man diese Erlebnisberichten aus dem gottlosen Ostdeutschland liest. Als ob tatsächlich Leerstellen blieben, die nicht durch andere Gedanken und Vorstellungen geschlossen werden würden. „Mein Glaube wurzelt in der Überzeugung, dass wir in etwas Größerem aufgehoben sind“, so beschreibt Markus Decker in der Berliner Zeitung seinen persönlichen Zugang zum christlichen Glauben. Doch gerade das ist es: individuell. Jeder Mensch kann dieses Gefühl woanders finden: Star‐Trek‐Fans und Kommunisten können da sicher zustimmen.

Ein Funken Hoffnung

Offenbar müssen Berichte aus dem atheistischen Osten auch immer zeigen, dass es Anlass zur Hoffnung gibt:

Sei es mit einem kurzen Hinweis in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung: „Aber [der Wittenberger Bürokaufmann Henning] Schulz ist immerhin auch noch Kirchenmitglied.“

Oder mit dem unerwarteten Abschlusssatz aus dem Tagesspiegel: „Mag sein, Gott will an dieser kleinen Stadt etwas Großes tun.“

Markus Decker findet eine persönliche Erfahrung berichtenswert: „Friedrich Schorlemmer […] sagte eines Tages zu mir: ‚Sie sind einer von uns.‘“

Es geht aber auch ein paar Nummern größer, wie die Hannoversche Allgemeine zeigt: Hier lässt sich ein Unfallopfer nach dem Anblick seines Wagens mit der Erkenntnis taufen: „Das musste Gott gewesen sein.“

Wieder einmal: Die Perspektive

All das macht klar: Das Thema „Glauben im Osten“ wird aus einer klaren Perspektive erzählt. Eine Perspektive, der das Christentum wichtig ist. Die sich ein Leben ohne dessen Rituale nicht vorstellen kann, nicht vorstellen will. Das ist legitim. Daraus einem ganzen Gebiet einen Mangel zu attestieren, ist es nicht. Gerade weil schon die Beschränkung auf das Christentum genau das ist: Eine Einengung der Sichtweisen, der Perspektiven. Das können die Protestanten beim Kirchentag tun. Die Medien hingegen sollten einen breiteren Blick einnehmen.

Ich konnte nur einen Bericht einer großen deutschen Zeitung finden, die eine andere Perspektive einnimmt. Dieser Text zeigt, warum wir verschiedene Ansätze brauchen und nicht noch mehr Texte, die bloß nachtrauern. Wie kann das aussehen? Hier sind Auszüge aus dem Text von Robert Ide, erschienen im Tagesspiegel Berlin:

Warum, um Himmels willen, betet man sie an, diese Kunstfiguren und ihre Litaneien aus oft althergebrachten Märchensagen? […]

Mir ist unverständlich, warum in einer säkular organisierten Demokratie die Kirche so viel Macht hat. Die Mitgliedsbeiträge der schrumpfenden Glaubensgemeinschaften werden seltsamerweise von den staatlichen Finanzämtern miteingezogen (nach dem Umbruch wurden übrigens erst einmal alle Ostdeutschen zwangseingemeindet und mussten bis zu einem Stichtag wieder austreten, obwohl sie selbst nie eingetreten waren). […]

Aber man kann auch ohne sie und angeblich von Göttern geschaffene Gebote versuchen, ein guter Mitmensch zu sein.

Rechtsextrem! Ostdeutsch! Studie! #5

Es ist wieder soweit: Eine neue Studie beschäftigt sich mit dem Rechtsextremismus im Osten Deutschlands. Also aufgepasst, Stereotypen, Klischees und Vorurteile volle Kraft voraus!

Was ist passiert?

Am 18. Mai 2017 hat das Göttinger Institut für Demokratieforschung den Abschlussberichts des Forschungsprojektes „Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland“ veröffentlicht. Darin werden Ursachen und Hintergründe für Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und fremdenfeindlich motivierte Übergriffe in Ostdeutschland untersucht. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung hatte diese Studie in Auftrag gegeben.

Wie wird es dargestellt?

Für einen Großteil der Medienlandschaft ist die Sache klar, zumindest in den Überschriften:

Auffällig ist dabei: Die Texte selbst sind weitaus differenzierter als die zugespitzten Überschriften vermuten lassen. Absurderweise bedeutet das, dass sie ihnen widersprechen. Denn die Studie widerspricht solch vereinfachenden Aussagen explizit.

Was ist dran?

Das wichtigste vorneweg: Die Studie kann keine Aussage über Ostdeutschland treffen, weil sie Ostdeutschland nicht untersucht hat.

Die Forscher haben keine flächendeckende empirische Untersuchung gemacht, sondern zwei Regionen heraus gegriffen, die durch asylfeindliche Proteste aufgefallen waren: die Region Dresden mit den Städten Freital und Heidenau sowie Erfurt mit dem Stadtteil Herrenberg. Dort führten sie 2016 knapp vierzig Einzelinterviews mit Akteuren aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft.

Quelle: Berliner Zeitung

Oder anders ausgedrückt: Es ist, als hätte man mit 40 Menschen in der Eifel und auf Sylt gesprochen und könnte danach etwas über Linksextremismus in Westdeutschland sagen. Was lokale Erkenntnisse bedeuten, können immer nur Vermutungen sein.

Damit sind aber auch viele Schlussfolgerungen der Studie und der Medien hinfällig. Hinweise zur DDR‐Vergangenheit etwa, die vielfach genannt werden. Kein Scherz, auch fast 30 Jahre nach dem Mauerfall lassen sich damit die Handlungen von Menschen erklären, die gerade mal volljährig sind.

Deutlichen Anlass zum Stirnrunzeln bietet aber die Studie selbst. Auf der einen Seite betont sie, dass der Ost‐West‐Gegensatz gar nicht so entscheidend sei. Dass das Verhältnis von Stadt und Land viel stärker wirke. Und doch graben die Wissenschaftler_innen für ihr Fazit so tief in der DDR‐Klischeekiste, dass sie das mit Ost und West wohl doch ernster nehmen.

Und nicht nur das: Die Journalistin Sabine Rennefanz verweist darauf, dass die Studie nicht nur von einer „ostdeutschen Mentalität“ ausgeht, sondern auch die europäische Dimension ausblendet. Die rechtsextremen Bewegungen in Frankreich, den Niederlanden und weiteren Staaten können mit einer DDR‐fixierten Analyse schließlich nicht erklärt werden.

Was lernen wir daraus?

Wenn es um Rechtsextremismus und Ostdeutschland geht, kommt es schnell zu pauschalen Urteilen. Auch wenn Studien differenzierte Erkenntnisse gewinnen, spitzen Journalist_innen und auch die Forschenden selbst lieber zu. Mit einem Blick in die Studie hätten sie festgestellt, dass sie damit Teil des Problems sind:

Unsere Befragten haben das Gefühl, dass die als überheblich wahrgenommenen Bewohner der alten Bundesländer sie noch immer geringschätzen; vor allem aber sind sie darüber verärgert, dass westdeutsche Journalisten und Politiker den Eindruck erwecken, Rechtsextremismus sei in den neuen Ländern weiter verbreitet als in den alten Bundesländern.