Presseschau: Stirb Stasi, stirb

An gewissen Themen lassen sich immer noch Medien aus Ost und West gut voneinander unterscheiden. In dieser Woche etwa ist die Renovierung der Berliner Stasi‐Zentrale abgeschlossen worden.

Die ostdeutschen Presseberichte dazu blicken in erster Linie auf die Geschichte und bautechnischen Einzelheiten der Renovierung:

In der Thüringer Allgemeinen wird vor allem die Innengestaltung beschrieben:

Als die Bürgerrechtler am 15. Januar 1990 Mielkes Büro betraten, waren sie zunächst erschrocken: „Wir hatten modernes Gerät erwartet, doch hier war alles wie in den 50er‐Jahren.“

Die Märkische Allgemeine nutzt die Gelegenheit, um deutsch‐deutsche Befindlichkeiten zu ergründen:

Es gehört zu den Erfahrungen der Wiedervereinigung, dass westlich sozialisierten Deutschen östlicher Geruch in die Nase steigt, sobald sie östliches Interieur vor sich haben. Ost‐Menschen haben diesen Geruchssinn nicht.

In der Berliner Zeitung resümiert der Museumsleiter die Sanierungsarbeiten:

Museumschef Jörg Drieselmann […] ist zufrieden mit der Sanierung – aber nicht nur. „Froh bin ich, weil am Haus erheblicher Reparatur‐Bedarf bestand“, sagt er. Nicht ganz glücklich sei er, weil Teile der historischen Substanz der Sanierung zum Opfer fielen.

Westdeutsche Medien hingegen finden starke Worte, um die Stasi zu beschreiben — ganz so, als ob sie eben erst aus dem Haus vertrieben worden wäre. Über eine Sanierung schreiben, das bedeutet hier auch, gegen einen Geheimapparat eines untergegangenen Staates zu schreiben.

Der Tagesspiegel schafft es, aus den friedlichen Revolutionären von 1989 moderne Wutbürger zu machen — die Demos gegen die DDR‐Regierung auf einer Ebene mit dem Widerstand gegen Stuttgart21?

Von dieser spießigen Ödnis aus wurde das Stasi‐Imperium dirigiert und das DDR‐Volk drangsaliert, bis vor 22 Jahren mutige Wutbürger Schild und Schwert der allmächtigen Partei zerbrachen und den riesigen Stasi‐Komplex an der Lichtenberger Normannenstraße ins Volkseigentum überführten.

Die FAZ übt scharfe Kritik am „Starrsinn vor allem der ‚Antistalinistischen Aktion‘, die in den Jahren nach 1990 immerhin dafür sorgte, dass das Gebäude nicht für Supermärkte geopfert wurde und damit nicht der Vergessenheit anheim fiel:

[Die Bürgerkomitees] haben unbeirrbar — manche sagen auch unbelehrbar — daran festgehalten, dass die ehemalige Stasi‐Zentrale ein exemplarischer deutscher Geschichtsort ist, den zu erhalten sie angetreten sind.

Und die Berliner Morgenpost verweist auf die spießige Einrichtung und feiert einen überraschenden Sieg:

So schick wie jetzt war die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit noch nie. Vor allem nicht zu DDR‐Zeiten. […] Als Ausgleich haben die alten und neuen Nutzer die Gewissheit, schöner zu arbeiten als einst selbst die engsten Mitarbeiter des fast allmächtigen Stasi‐Chefs. Auch das ist ein Sieg über die DDR.

Homepage: Migration in die DDR (und BRD) 3

die homepage Migration in die DDR (und BRD) — Interdependente Machtverhältnisse sichtbar machen versammelt studentische arbeiten zum thema migration in die ddr und kontinuitäten dieser migration in deutschland heute. sie entstand im rahmen eines seminars in den gender studies an der HU berlin.

ein ausgangspunkt des seminars war die beobachtung, dass „Migrationsgeschichte anhand von Daten und Politiken in der Bundesrepublik Deutschland erzählt“ wird und migration in die ddr und deren spuren und nachwirkungen im heutigen deutschland oftmals gänzlich ausgeblendet wird.

ich selbst habe in meinem studium erlebt, wie das thema „migration nach deutschland seit 1945“ abgehandelt wurde ohne auch nur ein einziges mal migration in die ddr, spezifische migrationspolitiken in der „wendezeit“ oder ddr‐migrant_innen nach 1989/90 zu thematisieren.

dass zu diesem thema dennoch gar nicht wenig veröffentlicht wurde, verdeutlicht die ausführliche Online‐Bibliographie der seite.

Ossis, Volk ohne Recht und Moral

Bereits Ende November schrieb Constanze von Bullion in der Süddeutschen Zeitung über das „Gift der Diktatur“. Für sie sei es „kein Zufall, dass die braune Mörderbande aus dem Osten kommt“. Denn:

In vielen Köpfen, vor allem ostdeutschen, ist er [der Rechtsstaat] ein fremder Planet geblieben.

Warum und wieso? Der Kommentar weidet sich an Statistiken, kennt als Antwort aber nur das Familienverständnis in der DDR und die „Verschwiegenheit der ostdeutschen Gesellschaft“. Am Ende wird beklagt, dass der Westen das Interesse verloren hätte. Ganz so, als hätte er als moralische Instanz über die verkommene Ostsippe wachen müssen.

Die neue Mauer für den Westen: Das Ostthema

Die Journalistin Sabine Rennefanz und der Nazi Uwe Mundlos haben im gleichen Alter den Mauerfall erlebt. Rennefanz vergleicht nun Lebensstationen von Mundlos mit ihrer eigenen Biographie — und kommt zu einigen Erkenntnissen, die von der klassischen „Die DDR‐Erziehung ist schuld“-Erklärung abweichen.

Dabei tut sie etwas sehr nahe liegendes: Sie nimmt Erlebnisse nach der Zeit der politischen Wende in den Blick und zeigt auf, wozu Unsicherheiten, fehlende Vorbilder und der Wunsch nach einem klaren Weltbild führen können. Der Text ist unter der Überschrift „Uwe Mundlos und ich“ in der Berliner Zeitung erschienen.

Das Fazit von Rennefanz verweist auf ein weiteres Problem: Der Westen Deutschlands hat bereitwillig Vorfälle in den neuen Ländern aufgegriffen, um verschiedene Probleme — Rechtsextremismus, Kindstötung — als Ostprobleme darzustellen. Für gesamtdeutsche oder gar westspezifische Probleme ist da kein Platz:

Die einzige Partei, die über die Jahre immer wieder wegen der rechten Tötungsverbrechen bei der Bundesregierung nachgehakt hat, war die Linkspartei. SPD und Grüne haben sich wenig für das Thema interessiert. Ist ja auch ein Ost‐Thema, das nichts mit dem Westen zu tun hat.

Diese Haltung ist verbreitet und bequem, sie hat den Vorteil, dass man sich selbst nicht hinterfragen, sich nicht ändern muss. Es ist wie eine neue Mauer, die zwanzig Jahre nach der Einheit wieder hochgezogen wird. Eine Mauer, hinter der sich die Westdeutschen verstecken können.

Das reduzierte DDR‐Bild im Museum

Die DDR im Museum, das heißt momentan vor allem Reduktion: Entweder als verklärte Vergangenheit oder als Schurkenstaat. Eine seriöse Aufarbeitung der DDR‐Geschichte sei so nicht möglich, so Wolfgang Benz, ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Benz schreibt zu den musealen Darstellungen:

In den meisten musealen Inszenierungen erscheint die DDR, je nach Intention, als Gefängnis, als militärischer Technikpark, als Konsumstrecke armer Leute, als Landschaft seltsamen Verkehrsgeschehens, als untergegangene Lebenswelt, an die nostalgische Annäherung leichtfällt. Reflektierter Umgang mit den Gründungsmythen und Rechtfertigungsstrategien, mit Ideologie und Zielen der Deutschen Demokratischen Republik als Gegenentwurf zur Bundesrepublik Deutschland findet in den musealen Anstrengungen und Einrichtungen nicht statt.

„drüben“

„Drüben“, das könnte auch der Name eines Ortes sein. Und dieses kleine Wort bezeichnet auch einen Ort — einen Ort, an dem man selbst nicht anwesend ist und der damit mehr über den Standort aussagt, an dem man sich befindet: Dieses „hier“ ist eben nicht „drüben“, und dieses „drüben“ ist auch etwas näher als „dort“. Vermutlich. Denn „drüben“ ist so ungenau und unspezifisch, wie eine Ortsangabe nur sein kann.

Dass dieses „drüben“ vor allem eine Frage des Standpunktes ist, das ist auf dem ersten Blick nicht klar. Zu gerne wird es in journalistische Texte geworfen in der Annahme, dass wir alle „hier“ sind und der Rest eben „drüben“. Und so bezeichnet es mal den Osten Deutschlands, mal den Westen, mal vor dem Mauerfall, mal danach. Und weil für diejenigen, denen das „drüben“ so leichtfertig von den Lippen geht, ja alles klar ist, muss man sich mühsam heraussuchen, wofür das „drüben“ steht.

„Drüben“, das ist somit ein nahezu orakelhafter Name — ein Ort, der nahezu alles sein kann. Nur nicht das „hier“ und „jetzt“.

Weiße Weste(n) oder: wo kommen die Rechten her? 3

Expertenmeinungen zu den Ursachen rassistischer Gewalt in den neuen Bundesländern haben im Moment Hochkonjunktur. Mit dabei ist natürlich auch Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED‐Staat der FU Berlin, der stets gefragt wird, wenn ein DDR‐Thema ansteht.

Im Berliner Tagesspiegel hat er bereits am 8. Dezember einen Gastkommentar geschrieben, in dem er die Ursprünge der ostdeutschen rechtsradikalen Gesinnungen erklärt. Dazu zählen: Die autoritären Erziehungsformen und -inhalte an den DDR‐Schulen, die auf Unterordnung und Kollektivität abgezielt hätten. Die Vollerwerbstätigkeit beider Elternteile, durch die es wenig Zeit innerhalb der Familie gegeben hätte. Die Wende, in der man sich entweder an eben diese erprobten Formen gehalten habe — oder die Kinder einfach gewähren ließ. Für Schroeder steht fest:

Viele Jugendliche hatten ebenso wenig wie ihre Eltern und Lehrer das kompromissfähige Austragen von Konflikten gelernt.

Dass eine solche Rückführung auf die DDR‐Zeit und die ersten Jahre nach 1989 vielleicht doch etwas kurz greift — über 20 Jahre später — das ahnt auch Schroeder. Im allerletzten Absatz schreibt er schließlich, dass das DDR‐Erbe nicht alles erklären könne. „Verwahrlosungs‐ und Verrohungstendenzen, die aus dem beschleunigten sozialen Wandel, dem fehlenden Zusammengehörigkeitsgefühl und dem Wertewandel resultieren, betreffen die moderne Gesellschaft insgesamt.“ Und er fordert, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen: „Polizei und Politik sind allein nicht in der Lage, den Feinden der Demokratie Grenzen zu setzen.“ Wohlgemerkt: hier schreibt er über Deutschland heute und insgesamt.

Das sind trübe Aussichten und eine traurige Bilanz für ein Land, das sich moralisch als soviel fortschrittlicher versteht als die DDR und ihr Erbe.

Doch es gibt handfeste Probleme in diesem Text: Schroeder schafft es, den westdeutschen Einfluss auf die ostdeutsche Nazi‐Szene komplett auszublenden: Wie mit dem Mauerfall die Kameradschaften den Osten als neuen Rekrutierungsraum für sich entdeckten und sich ungehindert ausbreiten konnten. Wie staatliche soziale und kulturelle Angebote  immer weiter gekürzt wurden — und Alternativen aus der rechten Ecke kamen.

Schroeder konstruiert somit einen autarken rechten Raum in Ostdeutschland — und damit eine weiße Weste für den Westen, denn hier konnten ja bereits in den „80er Jahren rechtsradikale Parteien und neonazistische Gruppen zurückgedrängt werden“. So das Selbstbild der BRD.

Weitere Kritikpunkte an Schroeder liefert ein weiterer Artikel im Tagesspiegel, der heute erschienen ist. Leider wird hier nur noch von „Gewaltbereitschaft“ gesprochen — der Rassismus, der ist offenbar völlig verschwunden. Denn dann müsste man sich ja mit ihm beschäftigen — gesamtdeutsch und ohne sich daran aufzuhängen, die Schuld zwischen Ost und West hin‐ und herzuschieben.

Sonnenallee auf YouTube 1

Sonnenallee war 1999 (zumindest in meiner Erinnerung) der erste große publikumswirksame Film, der das Leben der DDR‐1970er zeigte, dabei die Macht des Staates nicht vergaß und auch einige Seitenhiebe auf die Westsicht abfeuerte („Huhu Ossi, mach mal Winkewinke!“).

Nach Good Bye, Lenin! (2003) und Das Leben der Anderen (2006) wird „Sonnenallee“ aber oft nicht mehr erwähnt, wenn es um die Darstellung der DDR im Spielfilm geht. Vielleicht, weil es den Alltag zeigt und damit nicht den typischen Gestaltungsmerkmalen eines DDR‐Films entspricht?

Wer das überprüfen möchte, kann dies jetzt online und ganz legal tun: Sonnenallee wird vom Filmverleih Delphi auf YouTube bereitgestellt.

Rassismus als Generationskonflikt

Erstaunlich, dass es solange gedauert hat, bis diese These in die mediale Öffentlichkeit gedrungen ist: „DDR‐Erziehung ist Schuld an rechter Gewalt“ titelt die Mitteldeutsche Zeitung.

Im Artikel selbst klingt das dann doch etwas anders, denn der Dresdner Politologe Werner Patzelt führt darin die Morde der „Zwickauer Zelle“ auf einen einfachen Generationenkonflikt zurück . Das liest sich dann so:

in einer „sich antifaschistisch gebenden Gesellschaft“ habe man kommunistische Eltern am meisten mit dem ‚Bekenntnis zum Faschismus‘ ärgern können.

Dazu, wie daraus tödliche rassistische Taten entstehen konnten, gibt der Artikel keine Auskunft. Mögliche Erklärungsansätze wie der Wende als Umbruchserfahrung oder immerhin 20 Jahre in einem anderen Land (also der Großteil der Lebenszeit der Personen, um die es geht) werden gar nicht erst in Erwägung gezogen.

Auch gibt dieser Satz eher Rätsel auf: „die Mehrheit der 17 Millionen ehemaligen DDR‐Bürger beweise, dass die DDR‐Sozialisation nicht zwangsläufig zu rechtsradikaler Gewalt geführt habe.“

Zum Schluss fordert Patzelt schließlich einen Vergleich zwischen DDR und NS‐Staat ein — die Gemeinsamkeiten zwischen DDR‐Sozialismus und Nationalsozialismus (z.B. Militarisierung und „Verachtung von Bürgerlichkeit und Intellektualität“) seien bislang zu wenig beachtet worden. Solche Vergleiche dienten allerdings dazu, das 3. Reich zu verharmlosen und die DDR undifferenziert zu betrachten, wie Wolfgang Wippermann in seiner Streitschrift „Dämonisierung durch Vergleich“ kritisiert.

Glückwunsch, Mitteldeutsche Zeitung! Dies ist ein Paradebeispiel für eine Verharmlosung von Rassismus und Nationalsozialismus, gespickt mit DDR‐Dämonisierung.

Denk‐mal‐Schutz

Kaum wird ein Gebäude in Berlin renoviert, kochen die deutsch‐deutschen Gefühle wieder hoch. So geschehen beim Berliner Fernsehturm, der für 1,5 Millionen Euro modernisiert wird: Während die (aus dem Ostteil stammende) Berliner Zeitung den neuen Komfort begrüßt und sich auch der (westdeutsch sozialisierte) Tagesspiegel auf die Rückkehr der Wohlfühlatmosphäre freut, nahm Gunnar Schupelius vom Boulevardblatt B.Z. die Bautätigkeit zum Anlass, einen Kommentar zu schreiben: Für „Ostalgie“ habe ich nichts übrig. Er ätzt darin über „Ostalgie“, die aus seiner Sicht einen verbrecherischen Staat verharmlose. Und nicht nur das: Letztlich verharmlose offenbar alles, was an die DDR erinnert, diesen Staat. Einige seiner Beispiele zeugen tatsächlich von einem gedankenlosen Umgang mit der Vergangenheit — etwa das unsägliche „Ostel“. Was allerdings so verwerflich an Broilern und der Domklause sein soll, mag sich mir nicht erschließen.

Nach einer Woche antwortet Schupelius in einem Kommentar auf die Zuschriften zu seinem Text unter dem Titel Was über die DDR gesagt werden darf. Er spult hier alte westdeutsche Klischees über die DDR ab (keine Jeans und kein genießbarer Kaffee) und kann auch hier nicht erklären, wo er die Verbindung zwischen eingeschränkten Grundrechten und Orten des DDR‐Lebens sieht. Oder wie er sich eine Auseinandersetzung mit diesem Teil deutscher Geschichte vorstellt, wenn sie nicht sichtbar sein darf. (An eine Reflektion, wie im Westen mit Orten und der Vergangenheit des Landes umgegangen wird, möchte ich hier noch nicht einmal denken.)

Und vor allem: Was hat das alles mit einer Renovierung des Fernsehturms zu tun?