Das reduzierte DDR‐Bild im Museum

Die DDR im Museum, das heißt momentan vor allem Reduktion: Entweder als verklärte Vergangenheit oder als Schurkenstaat. Eine seriöse Aufarbeitung der DDR‐Geschichte sei so nicht möglich, so Wolfgang Benz, ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Benz schreibt zu den musealen Darstellungen:

In den meisten musealen Inszenierungen erscheint die DDR, je nach Intention, als Gefängnis, als militärischer Technikpark, als Konsumstrecke armer Leute, als Landschaft seltsamen Verkehrsgeschehens, als untergegangene Lebenswelt, an die nostalgische Annäherung leichtfällt. Reflektierter Umgang mit den Gründungsmythen und Rechtfertigungsstrategien, mit Ideologie und Zielen der Deutschen Demokratischen Republik als Gegenentwurf zur Bundesrepublik Deutschland findet in den musealen Anstrengungen und Einrichtungen nicht statt.

„drüben“

„Drüben“, das könnte auch der Name eines Ortes sein. Und dieses kleine Wort bezeichnet auch einen Ort — einen Ort, an dem man selbst nicht anwesend ist und der damit mehr über den Standort aussagt, an dem man sich befindet: Dieses „hier“ ist eben nicht „drüben“, und dieses „drüben“ ist auch etwas näher als „dort“. Vermutlich. Denn „drüben“ ist so ungenau und unspezifisch, wie eine Ortsangabe nur sein kann.

Dass dieses „drüben“ vor allem eine Frage des Standpunktes ist, das ist auf dem ersten Blick nicht klar. Zu gerne wird es in journalistische Texte geworfen in der Annahme, dass wir alle „hier“ sind und der Rest eben „drüben“. Und so bezeichnet es mal den Osten Deutschlands, mal den Westen, mal vor dem Mauerfall, mal danach. Und weil für diejenigen, denen das „drüben“ so leichtfertig von den Lippen geht, ja alles klar ist, muss man sich mühsam heraussuchen, wofür das „drüben“ steht.

„Drüben“, das ist somit ein nahezu orakelhafter Name — ein Ort, der nahezu alles sein kann. Nur nicht das „hier“ und „jetzt“.

Weiße Weste(n) oder: wo kommen die Rechten her? 3

Expertenmeinungen zu den Ursachen rassistischer Gewalt in den neuen Bundesländern haben im Moment Hochkonjunktur. Mit dabei ist natürlich auch Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED‐Staat der FU Berlin, der stets gefragt wird, wenn ein DDR‐Thema ansteht.

Im Berliner Tagesspiegel hat er bereits am 8. Dezember einen Gastkommentar geschrieben, in dem er die Ursprünge der ostdeutschen rechtsradikalen Gesinnungen erklärt. Dazu zählen: Die autoritären Erziehungsformen und -inhalte an den DDR‐Schulen, die auf Unterordnung und Kollektivität abgezielt hätten. Die Vollerwerbstätigkeit beider Elternteile, durch die es wenig Zeit innerhalb der Familie gegeben hätte. Die Wende, in der man sich entweder an eben diese erprobten Formen gehalten habe — oder die Kinder einfach gewähren ließ. Für Schroeder steht fest:

Viele Jugendliche hatten ebenso wenig wie ihre Eltern und Lehrer das kompromissfähige Austragen von Konflikten gelernt.

Dass eine solche Rückführung auf die DDR‐Zeit und die ersten Jahre nach 1989 vielleicht doch etwas kurz greift — über 20 Jahre später — das ahnt auch Schroeder. Im allerletzten Absatz schreibt er schließlich, dass das DDR‐Erbe nicht alles erklären könne. „Verwahrlosungs‐ und Verrohungstendenzen, die aus dem beschleunigten sozialen Wandel, dem fehlenden Zusammengehörigkeitsgefühl und dem Wertewandel resultieren, betreffen die moderne Gesellschaft insgesamt.“ Und er fordert, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen: „Polizei und Politik sind allein nicht in der Lage, den Feinden der Demokratie Grenzen zu setzen.“ Wohlgemerkt: hier schreibt er über Deutschland heute und insgesamt.

Das sind trübe Aussichten und eine traurige Bilanz für ein Land, das sich moralisch als soviel fortschrittlicher versteht als die DDR und ihr Erbe.

Doch es gibt handfeste Probleme in diesem Text: Schroeder schafft es, den westdeutschen Einfluss auf die ostdeutsche Nazi‐Szene komplett auszublenden: Wie mit dem Mauerfall die Kameradschaften den Osten als neuen Rekrutierungsraum für sich entdeckten und sich ungehindert ausbreiten konnten. Wie staatliche soziale und kulturelle Angebote  immer weiter gekürzt wurden — und Alternativen aus der rechten Ecke kamen.

Schroeder konstruiert somit einen autarken rechten Raum in Ostdeutschland — und damit eine weiße Weste für den Westen, denn hier konnten ja bereits in den „80er Jahren rechtsradikale Parteien und neonazistische Gruppen zurückgedrängt werden“. So das Selbstbild der BRD.

Weitere Kritikpunkte an Schroeder liefert ein weiterer Artikel im Tagesspiegel, der heute erschienen ist. Leider wird hier nur noch von „Gewaltbereitschaft“ gesprochen — der Rassismus, der ist offenbar völlig verschwunden. Denn dann müsste man sich ja mit ihm beschäftigen — gesamtdeutsch und ohne sich daran aufzuhängen, die Schuld zwischen Ost und West hin‐ und herzuschieben.

Sonnenallee auf YouTube 1

Sonnenallee war 1999 (zumindest in meiner Erinnerung) der erste große publikumswirksame Film, der das Leben der DDR‐1970er zeigte, dabei die Macht des Staates nicht vergaß und auch einige Seitenhiebe auf die Westsicht abfeuerte („Huhu Ossi, mach mal Winkewinke!“).

Nach Good Bye, Lenin! (2003) und Das Leben der Anderen (2006) wird „Sonnenallee“ aber oft nicht mehr erwähnt, wenn es um die Darstellung der DDR im Spielfilm geht. Vielleicht, weil es den Alltag zeigt und damit nicht den typischen Gestaltungsmerkmalen eines DDR‐Films entspricht?

Wer das überprüfen möchte, kann dies jetzt online und ganz legal tun: Sonnenallee wird vom Filmverleih Delphi auf YouTube bereitgestellt.

Rassismus als Generationskonflikt

Erstaunlich, dass es solange gedauert hat, bis diese These in die mediale Öffentlichkeit gedrungen ist: „DDR‐Erziehung ist Schuld an rechter Gewalt“ titelt die Mitteldeutsche Zeitung.

Im Artikel selbst klingt das dann doch etwas anders, denn der Dresdner Politologe Werner Patzelt führt darin die Morde der „Zwickauer Zelle“ auf einen einfachen Generationenkonflikt zurück . Das liest sich dann so:

in einer „sich antifaschistisch gebenden Gesellschaft“ habe man kommunistische Eltern am meisten mit dem ‚Bekenntnis zum Faschismus‘ ärgern können.

Dazu, wie daraus tödliche rassistische Taten entstehen konnten, gibt der Artikel keine Auskunft. Mögliche Erklärungsansätze wie der Wende als Umbruchserfahrung oder immerhin 20 Jahre in einem anderen Land (also der Großteil der Lebenszeit der Personen, um die es geht) werden gar nicht erst in Erwägung gezogen.

Auch gibt dieser Satz eher Rätsel auf: „die Mehrheit der 17 Millionen ehemaligen DDR‐Bürger beweise, dass die DDR‐Sozialisation nicht zwangsläufig zu rechtsradikaler Gewalt geführt habe.“

Zum Schluss fordert Patzelt schließlich einen Vergleich zwischen DDR und NS‐Staat ein — die Gemeinsamkeiten zwischen DDR‐Sozialismus und Nationalsozialismus (z.B. Militarisierung und „Verachtung von Bürgerlichkeit und Intellektualität“) seien bislang zu wenig beachtet worden. Solche Vergleiche dienten allerdings dazu, das 3. Reich zu verharmlosen und die DDR undifferenziert zu betrachten, wie Wolfgang Wippermann in seiner Streitschrift „Dämonisierung durch Vergleich“ kritisiert.

Glückwunsch, Mitteldeutsche Zeitung! Dies ist ein Paradebeispiel für eine Verharmlosung von Rassismus und Nationalsozialismus, gespickt mit DDR‐Dämonisierung.

Denk‐mal‐Schutz

Kaum wird ein Gebäude in Berlin renoviert, kochen die deutsch‐deutschen Gefühle wieder hoch. So geschehen beim Berliner Fernsehturm, der für 1,5 Millionen Euro modernisiert wird: Während die (aus dem Ostteil stammende) Berliner Zeitung den neuen Komfort begrüßt und sich auch der (westdeutsch sozialisierte) Tagesspiegel auf die Rückkehr der Wohlfühlatmosphäre freut, nahm Gunnar Schupelius vom Boulevardblatt B.Z. die Bautätigkeit zum Anlass, einen Kommentar zu schreiben: Für „Ostalgie“ habe ich nichts übrig. Er ätzt darin über „Ostalgie“, die aus seiner Sicht einen verbrecherischen Staat verharmlose. Und nicht nur das: Letztlich verharmlose offenbar alles, was an die DDR erinnert, diesen Staat. Einige seiner Beispiele zeugen tatsächlich von einem gedankenlosen Umgang mit der Vergangenheit — etwa das unsägliche „Ostel“. Was allerdings so verwerflich an Broilern und der Domklause sein soll, mag sich mir nicht erschließen.

Nach einer Woche antwortet Schupelius in einem Kommentar auf die Zuschriften zu seinem Text unter dem Titel Was über die DDR gesagt werden darf. Er spult hier alte westdeutsche Klischees über die DDR ab (keine Jeans und kein genießbarer Kaffee) und kann auch hier nicht erklären, wo er die Verbindung zwischen eingeschränkten Grundrechten und Orten des DDR‐Lebens sieht. Oder wie er sich eine Auseinandersetzung mit diesem Teil deutscher Geschichte vorstellt, wenn sie nicht sichtbar sein darf. (An eine Reflektion, wie im Westen mit Orten und der Vergangenheit des Landes umgegangen wird, möchte ich hier noch nicht einmal denken.)

Und vor allem: Was hat das alles mit einer Renovierung des Fernsehturms zu tun?

Reisen in Dunkeldeutschland 9

Vielleicht ist es einfach nur Zufall: In letzter Zeit werden ostdeutsche Themen oft literarisch verpackt. Ein kurzer Überblick:

Den Deutschen Buchpreis 2011 hat Eugen Ruge für seinen autobiographischen Roman erhalten: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“  schildert das Leben einer Familie in der DDR.

Im Zuge der „Wiederentdeckung“ der rechten Gewalt in Ostdeutschland schickte das ZDF Steven Uhly nach Jena. Uhly ist Schriftsteller und hat einen Roman geschrieben, in dem Neonazis Türken ermorden. Er wohnt in München, „sieht nicht deutsch aus“ (wie er selbst sagt) und hat Angst im Osten Deutschlands. Gegen diesen Beitrag der Kultursendung „kontraste“, in dem von der „ostdeutschen Angstzone“ gesprochen wird, ist bereits Kritik laut geworden. Am Ende des Beitrags hat sich Uhlys Blick auf den Osten Deutschland nicht gewandelt, er steht in der Abenddämmerung.

(Dieses Video wird wahrscheinlich bald aus der ZDF‐Mediathek verschwinden — dann bleibt nur noch der Beitrag auf der Website von „kontraste“.)

In der Zeit schließlich gibt es einen Beitrag der Thriller‐Autorin Claudia Puhlfürst über den „Horror, der Geschichte schreibt“. Die Schriftstellerin wohnt in Zwickau und fühle sich von der Realität überholt; sie vergleicht ihre Romanfiguren mit der beschaulichen Bürgerlichkeit Zwickaus. Sie stellt aber auch fest:

Die Tatorte aber liegen nicht in Zwickau, nicht mal in der Nähe, am „dichtesten“ dran ist Nürnberg, mehr als 200 Kilometer weit weg. „Zwickauer Zelle“?

Sie hätte schon hier die gesamte Voraussetzung für ihren Artikel überdenken können, aber vielleicht ist es diese Erkenntnis, durch die ihr Beitrag zur Debatte nicht ganz so dunkel erscheint. Vielleicht hilft eine literarische Verpackung bei aktuellen Debatten aber auch nur bedingt weiter.

Nachtrag 30.11.2011: Steven Uhly hat einen ausführlichen Text auf thueringer-allgemeine.de geschrieben — er beschreibt seine Erfahrungen beim Dreh des Beitrags und wie durch Schnitt, Bildersprache und Off‐Kommentar Stimmung erzeugt wird. Und wie seine eigenen Erfahrungen mit dem Ostens Deutschlands auf das Gefühl der Angst reduziert worden sind. Ein wichtiger Grund für seine Angst sind Medienberichte über rassistische Vorfälle im Osten — und hier schließt sich der Kreis, wenn (westdeutsche) mediale Berichterstattung ihre eigenen Bilder zu bestätigen sucht und dabei auf Menschen trifft, die vor allem diese Bilder aus den Medien kennen. Nichts anderes hat meiner Ansicht nach der ZDF‐Beitrag getan, in dem Uhly auftritt. Damit wird wieder einmal mit einer Außenperspektive auf rassistische Vorgänge im Osten geworfen, die stark homogenisiert und vereinfacht.

Vielen Dank auch an dieser Stelle nochmal an Urmila für die Diskussion zu diesem Beitrag, in der wir einige Punkte, die Steven Uhly in diesem Artikel anspricht, auch schon angerissen hatten.

rechter terror als ost‐west‐thema 1

in den letzten tagen gab es in den medien versuche, den „rechten terror“ als ost‐west‐thema zu verhandeln. was haben die rassistischen morde und anschläge durch nazis und der skandal um das jahrelange versagen von institutionen durch wegschauen, unfähigkeit oder gar unterstützung mit ostdeutschland (und westdeutschland) zu tun?

hier der erste teil einer kurzen serie von kommentierten artikeln zum thema.

jana hensels artikel Raus aus dem Untergrund auf dem titel des freitag vom 17. november ist mir als erstes ins irritierte auge gefallen.

hensel fordert darin, das gewordensein der mutmaßlichen mörder_innen als teil ihrer post‐wende ost‐biografie zu betrachten. dabei stellt sie das heranwachsen der nazis (und ihr eigenes) in den 1990er jahren ins zentrum ihrer analyse. dieser biografische und personalisierende fokus erscheint mir jetzt nicht gänzlich unsäglich, blendet aber in erschreckender weise die strukturell politische dimension der ganzen „affäre“ im hier und jetzt (des letzten jahrzehnts) aus. ich frage mich, welche erkenntnis dieser fokus tatsächlich bringen kann, z.b. im hinblick auf den kampf gegen nazis und ihre strukturen oder im kampf gegen rassismus in der gesellschaftlichen mitte und ihren institutionen.

die nazis werden von hensel zudem mehrfach als kinder/jugendliche bezeichnet. ihre gesinnung und mutmaßlichen taten werden als folge eines „abgleitens“ und „verloren gehens“ verharmlost und als extreme variante des angeblich gängigen fahrraddiebstahls hingestellt — sie werden als opfer ihrer generation stilisert.
die eigentlichen opfer der rassistischen mord‐ und anschlagsserie — als „nicht‐zugehörig“ und „ausländisch“ markierte menschen — kommen hingegen nur am rande, nämlich als aufhänger für die ost‐west‐deabtte, vor.*

spannend finde ich hingegen hensels bemerkung zum begriff „Braune Armee Fraktion“, der ihres erachtens eine „immer gleiche Perspektive“ entlarve:

„Es ist auch diesmal die Geschichte der alten Bundesrepublik, die ins Zentrum der Betrachtung drängt und die Vergleichsmaßstäbe setzt.“

hensel spricht damit deutungshoheiten und normvorstellungen von geschichte und gegenwart im heutigen deutschland an, welche sie als westzentrisch begreift. in diesem punkt stimme ich ihr zu.

teil zwei ist in arbeit.

* auch, dass hensel den begriff rassismus („Herkunftsrassismus“) für dominanzdeutsche verwendet, nicht aber für die rassistischen morde, halte ich für wirklich fehlplatziert.

Bau auf

Die Überschrift des Monats bietet die Berliner Morgenpost: „Der Fernsehturm wird saniert — mit Ostalgie“

Ja, im Osten herrscht noch Engpass bei modernem Baumaterial.

Go West

Wir schreiben hier nicht nur für gescheiterte Ossis, die freie Wahlen und Marktwirtschaft nicht begriffen haben, am liebsten ihren Führer Staatsratsvorsitzenden wiederhaben wollen und jetzt mit Hartz4 ihre private DDR finanzieren.

Nein, wir schreiben hier für alle, die die Zeit vor 1989 viel besser fanden und die Mauer am liebsten gleich wieder aufbauen würden.

Richtig: Wir schreiben vor allem für Menschen aus dem Westen, für Menschen aus der ehemaligen BRD.