Der gottlose Osten — Berichte zum Kirchentag

Es ist Kirchentag, vom 24. bis 28. Mai treffen sich evangelische Laien in Berlin und Wittenberg. Ein Kirchentag im Osten Deutschlands also – welch wunderbare Gelegenheit, den Glauben in Ostdeutschland zu besuchen. Finden jedenfalls einige Medien. Doch was haben sie entdeckt? Mangel, keinen Glauben, Hoffnung.

Es gibt nur einen Gott

Wenn es um Glauben in Ostdeutschland geht, dann geht es ums Christentum. Kein Text sagt das explizit, aber es geht um Protestantismus und Katholizismus. Nicht um spirituelle Bewegungen oder heidnische Religionen, nicht um Buddhismus oder den Islam – und schon gar nicht um Sozialismus oder Kommunismus.

Schließlich gibt es für das Christentum klare Zahlen: 14 Prozent zahlen etwa in Wittenberg Kirchensteuer, der Rest hat sich dagegen entschieden. Oder wie es Kerstin Decker im Tagesspiegel formuliert:

Nie war der Himmel blauer. Auch das ist ein Gottesbeweis, den verstehen auch die 86 Prozent der Wittenberger, die sich daran gewöhnt haben, ohne Beistand von oben zu leben.

Etwas fehlt

Wenn man den Berichten zum Glauben in Ostdeutschland glauben kann, dann geht es auch immer um einen Mangel:

„Ja, leider sei sie Atheistin; es klingt wie: Da kann man nichts machen!“ heißt es im Tagesspiegel.

„In Gefahr ist […] die gesamte Kultur, die das Religiöse hervorgebracht hat.“, schreibt Markus Decker in der Berliner Zeitung (Print-Ausgabe vom 24.5.2017).

Und bei der ARD heißt es: „In den meisten Familien wachsen die Kinder schon in der dritten Generation ohne Kontakt mit religiösem Wissen und ohne Erfahrungen mit religiöser Praxis auf: ein Traditionsabbruch, der unumkehrbar scheint.“

Vorteile gibt es wohl nicht beim Schwinden des Christentums, wenn man diese Erlebnisberichten aus dem gottlosen Ostdeutschland liest. Als ob tatsächlich Leerstellen blieben, die nicht durch andere Gedanken und Vorstellungen geschlossen werden würden. „Mein Glaube wurzelt in der Überzeugung, dass wir in etwas Größerem aufgehoben sind“, so beschreibt Markus Decker in der Berliner Zeitung seinen persönlichen Zugang zum christlichen Glauben. Doch gerade das ist es: individuell. Jeder Mensch kann dieses Gefühl woanders finden: Star-Trek-Fans und Kommunisten können da sicher zustimmen.

Ein Funken Hoffnung

Offenbar müssen Berichte aus dem atheistischen Osten auch immer zeigen, dass es Anlass zur Hoffnung gibt:

Sei es mit einem kurzen Hinweis in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung: „Aber [der Wittenberger Bürokaufmann Henning] Schulz ist immerhin auch noch Kirchenmitglied.“

Oder mit dem unerwarteten Abschlusssatz aus dem Tagesspiegel: „Mag sein, Gott will an dieser kleinen Stadt etwas Großes tun.“

Markus Decker findet eine persönliche Erfahrung berichtenswert: „Friedrich Schorlemmer […] sagte eines Tages zu mir: ‚Sie sind einer von uns.‘“

Es geht aber auch ein paar Nummern größer, wie die Hannoversche Allgemeine zeigt: Hier lässt sich ein Unfallopfer nach dem Anblick seines Wagens mit der Erkenntnis taufen: „Das musste Gott gewesen sein.“

Wieder einmal: Die Perspektive

All das macht klar: Das Thema „Glauben im Osten“ wird aus einer klaren Perspektive erzählt. Eine Perspektive, der das Christentum wichtig ist. Die sich ein Leben ohne dessen Rituale nicht vorstellen kann, nicht vorstellen will. Das ist legitim. Daraus einem ganzen Gebiet einen Mangel zu attestieren, ist es nicht. Gerade weil schon die Beschränkung auf das Christentum genau das ist: Eine Einengung der Sichtweisen, der Perspektiven. Das können die Protestanten beim Kirchentag tun. Die Medien hingegen sollten einen breiteren Blick einnehmen.

Ich konnte nur einen Bericht einer großen deutschen Zeitung finden, die eine andere Perspektive einnimmt. Dieser Text zeigt, warum wir verschiedene Ansätze brauchen und nicht noch mehr Texte, die bloß nachtrauern. Wie kann das aussehen? Hier sind Auszüge aus dem Text von Robert Ide, erschienen im Tagesspiegel Berlin:

Warum, um Himmels willen, betet man sie an, diese Kunstfiguren und ihre Litaneien aus oft althergebrachten Märchensagen? […]

Mir ist unverständlich, warum in einer säkular organisierten Demokratie die Kirche so viel Macht hat. Die Mitgliedsbeiträge der schrumpfenden Glaubensgemeinschaften werden seltsamerweise von den staatlichen Finanzämtern miteingezogen (nach dem Umbruch wurden übrigens erst einmal alle Ostdeutschen zwangseingemeindet und mussten bis zu einem Stichtag wieder austreten, obwohl sie selbst nie eingetreten waren). […]

Aber man kann auch ohne sie und angeblich von Göttern geschaffene Gebote versuchen, ein guter Mitmensch zu sein.

Rechtsextrem! Ostdeutsch! Studie! #5

Es ist wieder soweit: Eine neue Studie beschäftigt sich mit dem Rechtsextremismus im Osten Deutschlands. Also aufgepasst, Stereotypen, Klischees und Vorurteile volle Kraft voraus!

Was ist passiert?

Am 18. Mai 2017 hat das Göttinger Institut für Demokratieforschung den Abschlussberichts des Forschungsprojektes „Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland“ veröffentlicht. Darin werden Ursachen und Hintergründe für Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und fremdenfeindlich motivierte Übergriffe in Ostdeutschland untersucht. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung hatte diese Studie in Auftrag gegeben.

Wie wird es dargestellt?

Für einen Großteil der Medienlandschaft ist die Sache klar, zumindest in den Überschriften:

Auffällig ist dabei: Die Texte selbst sind weitaus differenzierter als die zugespitzten Überschriften vermuten lassen. Absurderweise bedeutet das, dass sie ihnen widersprechen. Denn die Studie widerspricht solch vereinfachenden Aussagen explizit.

Was ist dran?

Das wichtigste vorneweg: Die Studie kann keine Aussage über Ostdeutschland treffen, weil sie Ostdeutschland nicht untersucht hat.

Die Forscher haben keine flächendeckende empirische Untersuchung gemacht, sondern zwei Regionen heraus gegriffen, die durch asylfeindliche Proteste aufgefallen waren: die Region Dresden mit den Städten Freital und Heidenau sowie Erfurt mit dem Stadtteil Herrenberg. Dort führten sie 2016 knapp vierzig Einzelinterviews mit Akteuren aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft.

Quelle: Berliner Zeitung

Oder anders ausgedrückt: Es ist, als hätte man mit 40 Menschen in der Eifel und auf Sylt gesprochen und könnte danach etwas über Linksextremismus in Westdeutschland sagen. Was lokale Erkenntnisse bedeuten, können immer nur Vermutungen sein.

Damit sind aber auch viele Schlussfolgerungen der Studie und der Medien hinfällig. Hinweise zur DDR-Vergangenheit etwa, die vielfach genannt werden. Kein Scherz, auch fast 30 Jahre nach dem Mauerfall lassen sich damit die Handlungen von Menschen erklären, die gerade mal volljährig sind.

Deutlichen Anlass zum Stirnrunzeln bietet aber die Studie selbst. Auf der einen Seite betont sie, dass der Ost-West-Gegensatz gar nicht so entscheidend sei. Dass das Verhältnis von Stadt und Land viel stärker wirke. Und doch graben die Wissenschaftler_innen für ihr Fazit so tief in der DDR-Klischeekiste, dass sie das mit Ost und West wohl doch ernster nehmen.

Und nicht nur das: Die Journalistin Sabine Rennefanz verweist darauf, dass die Studie nicht nur von einer „ostdeutschen Mentalität“ ausgeht, sondern auch die europäische Dimension ausblendet. Die rechtsextremen Bewegungen in Frankreich, den Niederlanden und weiteren Staaten können mit einer DDR-fixierten Analyse schließlich nicht erklärt werden.

Was lernen wir daraus?

Wenn es um Rechtsextremismus und Ostdeutschland geht, kommt es schnell zu pauschalen Urteilen. Auch wenn Studien differenzierte Erkenntnisse gewinnen, spitzen Journalist_innen und auch die Forschenden selbst lieber zu. Mit einem Blick in die Studie hätten sie festgestellt, dass sie damit Teil des Problems sind:

Unsere Befragten haben das Gefühl, dass die als überheblich wahrgenommenen Bewohner der alten Bundesländer sie noch immer geringschätzen; vor allem aber sind sie darüber verärgert, dass westdeutsche Journalisten und Politiker den Eindruck erwecken, Rechtsextremismus sei in den neuen Ländern weiter verbreitet als in den alten Bundesländern.

Ignoriert: Ost und West ändern Einstellungen zu Flüchtlingen

Der Journalist Hans Zippert schreibt jeden Tag eine Kolumne in der Tageszeitung Die Welt. Dafür wurde er 2007 und 2011 mit dem renommierten Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet. Das muss man wissen, wenn man den Auszug aus seiner Kolumne vom 7. April 2017 liest:

Die Unwillkommenheitsgefühle [sind] im Osten des Landes weitaus größer als im Westen. Das könnte daran liegen, dass die Ostdeutschen sich 1989 auch zu wenig geliebt gefühlt haben. […] Die Westdeutschen wurden aber auch nicht gefragt, ob sie ostdeutsche Wirtschaftsflüchtlinge willkommen heißen würden.

Das wäre schon in den 90ern ziemlich unlustig gewesen, aber darum geht es hier gar nicht. Wir wollen ja inhaltlich argumentieren.

Zippert bezieht sich in seinem Text auf eine neue Umfrage der Bertelsmann-Stiftung. Sie hat untersucht, welche Stimmung in Deutschland Flüchtlingen gegenüber herrscht. Dumm nur: Diese Umfrage stellt das genaue Gegenteil fest — die Stimmung in Ost und West hat sich umgekehrt. So steht in der Welt, ebenfalls am 7. April:

Inzwischen sind demnach 55 Prozent der Westdeutschen gegen einen weiteren Flüchtlingszuzug und 51 Prozent der Ostdeutschen.

Hans Zippert hätte also in seiner eigenen Zeitung lesen können, dass sein Text nicht auf Tatsachen beruht. Dass er über 27 Jahren nach dem Fall der Mauer immer noch in Klischees denkt und seine Kolumne mit müden Stereotypen füllt.

Ach ja, dafür bekommt man übrigens Henri-Nannen-Preise.

Weniger Gehalt im Osten, keine Meldung für den Osten

Es ist eine simple Meldung: In Deutschland ist das Gehalt unterschiedlich hoch. Je nach Region verdienen Menschen im gleichen Beruf deutlich mehr Geld. Oder deutlich weniger in den neuen Bundesländern: Sie stehen am Ende der Tabelle. Das ist prinzipiell keine neue Erkenntnis, vor genau fünf Jahren hatte eine Studie festgestellt, dass der wirtschaftliche Unterschied zwischen Ost und West noch lange bestehen wird.

Mit welchen Überschriften aber machen Medien diese Meldung auf? So heißt es bei der FAZ:

Ostdeutschland lohnt sich noch immer nicht

Und die Website von n-tv titelt:

Hier arbeiten Sie besser nicht

Gemeinsam ist diesen Überschriften eine wirtschaftlich-westdeutsche Perspektive: Der Osten lohnt sich erst dann, wenn man dort mehr Gehalt bekommt. Dort also besser nicht arbeiten!

Übersehen hat man beim Texten der Überschriften wohl, dass es bereits Menschen gibt, die in Ostdeutschland arbeiten. Welche Botschaft soll bei ihnen ankommen? Ihre Arbeit lohnt sich nicht? Sie sollten besser nicht arbeiten? Dazu sagen uns die Überschriften nichts, sie wollen es gar nicht. Denn sie sagen uns vor allem: Als Zielgruppe der Beiträge stellt man sich die Menschen im Osten nicht vor.

Wirtschaftswissenschaft: Wenn Westdeutschland ganz Deutschland ist

Wirtschaftswissenschaft: Wenn Westdeutschland ganz Deutschland ist

Eine Wissenschaft wie die Wirtschaftswissenschaft funktioniert im Grunde so: Sie stellt eine Frage und sammelt und erhebt dazu alle verfügbaren und sinnvollen Daten. Damit will sie Antworten finden. Dazu gehört auch, dass die Antworten komplex, die Zusammenhänge vielfältig und auch sonst vieles nicht leicht ist. Aber der kleinteilige und differenzierte Umgang mit Informationen ist die Stärke der Wissenschaft. Worauf sonst sollte man sich verlassen?

Aber schauen wir in eine Analyse, die in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsdienstes veröffentlicht worden ist. Da dieser Text nur gegen Bezahlung gelesen werden kann, legen wir die gekürzte Fassung auf Ökonomenstimme zugrunde. Beide Texte tragen den gleichen Titel:

Verlierer(-regionen) der Globalisierung in Deutschland: Wer? Warum? Was tun?

Das ist also die Forschungsfrage, die beantwortet werden soll. Und sie ist eine etwas seltsame Wahl, denn in einer Fußnote heißt es:

Wir beschränken uns auf regionale Unterschiede innerhalb Westdeutschlands, da die Daten für Ostdeutschland erst ab 1993 vorliegen.

So weit, so gut: Ostdeutschland wird nicht untersucht, weil die Daten nicht mehr hergeben. Alles andere wäre wissenschaftlich nicht sauber gewesen.

Das westdeutsch-deutsche Problem

Dumm nur: Die Autoren ignorieren Ostdeutschland nicht nur, sie vergessen es. Warum sonst weisen sie auf die ostdeutschen Daten ausschließlich in einer Fußnote hin? Wieso suggerieren sie in der Überschrift eine gesamtdeutsche Untersuchung? Weshalb wird der Begriff „Westdeutschland“ nur einmal erwähnt, obwohl er die Datenlage am treffendsten beschreibt? Und warum kommt die Bezeichnung „Deutschland“ 14-mal vor?

Wer ganz genau hinschaut, hätte aber auch schon bei der Illustration misstrauisch werden. So richtig passt die Karte schließlich nicht zur „Deutschland“-Überschrift:

Update

Ökonomenstimme hat bei Twitter auf meine Kritik reagiert:

Rechtsextrem! Ostdeutsch! Studie! #4

Der Osten Deutschlands ist fremdenfeindlicher als der Westen. Schuld ist das DDR-Erbe. Ach, wie oft haben wir das schon gehört.

Aber stimmt das? Eine neue Studie der Universität Konstanz sagt jetzt: Wenn wir Menschen vergleichen, dann sollten wir differenzierter vorgehen und Personen mit gleichen sozio-demographischen Faktoren vergleichen. Heißt: Nur Menschen mit gleichem Bildungsstand und gleichem Einkommen lassen sich vernünftigerweise zueinander in Beziehung setzen. Und siehe da: Es lassen sich keine signifikanten Unterschiede finden. Wie Johannes Müller, Mitarbeiter der Studie, in der Zeit schreibt:

Die ostdeutschen Individuen waren im Schnitt nicht fremdenfeindlicher als ihre westdeutschen Pendants. […] Die Ergebnisse belegen also die These, dass es eher die individuelle Zusammensetzung der ostdeutschen Bevölkerung und weniger die Prägung durch die Region ist, der Kontexteffekt, die die Fremdenfeindlichkeit erklärt.

Das ist ein weiteres Ergebnis der Studie: Nur für 50 Prozent der Individuen aus Ostdeutschland ließ sich ein passendes Individuum in Westdeutschland finden. Die Bevölkerungen sind demnach sehr unterschiedlich zusammen gesetzt. Da liegen also sehr viele Äpfel und Birnen herum. Wir sollten aufpassen, was wir womit vergleichen.

Ein Rückschluss auf die DDR lässt sich so nur noch schwer ziehen: Wer wirtschaftlich schlecht gestellt ist, sucht tendenziell eher außenstehende Sündenböcke für die eigene Situation — das ist in Ost und West so. Nur eben in Ost häufiger, weil dort mehr Menschen sozial schlechter gestellt sind.

Gerade deshalb sollten wir die unterschiedlichen Entwicklungen stärker ins Auge fassen:

Die Bevölkerung in Ostdeutschland altert vor allem auf dem Land schneller, weil gut ausgebildete Leute vom Land in die Stadt beziehungsweise nach Westdeutschland ziehen, insbesondere gut ausgebildete junge Frauen. Wenn sich dieser Trend verschärft, bleibt letztendlich eine Bevölkerungsgruppe zurück, die aufgrund ihrer Prädisposition besonders anfällig für xenophobe Einstellungen ist.

Eine generelle Verurteilung des „Osten“ hilft da nicht weiter.

Beherrscht, unterdrückt, wehleidig: Weniger wichtige Ossis im Osten

Ostdeutsche sind in Führungspositionen in Ostdeutschland unterrepräsentiert. Das hat eine Studie der Universität Leipzig im Auftrag des MDR ergeben. Zum Teil gingen die Zahlen sogar wieder zurück:

  • Politiker_innen mit ostdeutscher Herkunft in den ostdeutschen Landesregierungen: 70% (2004: 75%)
  • Leitung der 100 größten ostdeutschen Unternehmen: 33,5 % (2004: 35,1%)
  • Leitung der Universitäten und Hochschulen: Anteil fast halbiert
  • Von 60 Staatssekretär_innen der Bundesregierung stammen 3 aus dem Osten (2004: 6)
  • Ostdeutsche unter den Führungskräften bundesweit: 1,7%

Aus diesem Befund zimmert der MDR eine zweiteilige Dokumentation — neckisch illustriert mit aufgehängten Schachfiguren fragt sie: „Wer beherrscht den Osten?“

Kritik an dieser Aufarbeitung kommt von Richard Schröder, SPD-Politiker und Pfarrer in der DDR. Im Interview mit der Sächsischen Zeitung meint er:

Die ganze Aufrechnerei suggeriert: Es gibt zwei Völker, Ostdeutsche und Westdeutsche. Das eine Volk „beherrscht“ das andere. Das Thema der MDR-Dokumentation hieß ja: „Wer beherrscht den Osten?“ Und bei „beherrscht“ denkt man natürlich sofort an „unterdrückt“. Die Ossis sind unterdrückt. Ich finde diese ostdeutsche Wehleidigkeit zum Kotzen und außerdem vorbei an vielen Tatsachen.

Wir sehen: Das Thema ist sehr emotional besetzt, es geht um Teilhabe, Mitbestimmung — Demokratie eben. Was den emotionalen Effekt verstärken dürfte: Die deutsch-deutsche Geschichte nach 1990 wird in der Regel positiv dargestellt — Studien wie diese zeigen aber, wie dünn das Fundament dieser Darstellungen ist. Das knirscht, wenn Wunschvorstellung und Zahlen aufeinander treffen. Oder, wie Iris Gleicke, Ostbeauftragte der Bundesregierung, dazu sagt:

Der Vereinigungsprozess ist eben keine rumpelfreie Erfolgsgeschichte, auch wenn das manche gerne so in die Geschichtsbücher schreiben würden.

Wie in Bad Schwartau Ängste vor dem Osten geschürt werden

Letztlich sind es die kleinen Dinge, die einen Unterschied in der Berichterstattung über Ost und West ausmachen. Hier ein Beispiel aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts. Dort heißt es in der Überschrift:

Wie die Schwartauer Werke nach Ostdeutschland gelockt werden

Oh nein, mögen da Einheimische aus Schleswig-Holstein (im Text liebevoll und vertraut mit „SH“ abgekürzt) aufschreien — unsere schöne Marmeladenstadt soll in den tiefen Osten verschleppt werden! Ist den gottlosen Ossis denn nichts mehr heilig? Um die aufgeregten Gemüter zu beruhigen, hier ein paar Fakten — die stehen zwar im Text verstreut, aber wer liest den nach einer solchen Überschrift ohne die Hilfe von ein paar Gläsern Baldrian?

  1. Die Schwartauer Werke benötigen mehr Platz und sind derzeit in der Bauplatzsuche.
  2. In Betracht kommt „eine Gemeinde“ in Mecklenburg-Vorpommern, das gerade einmal 14 Kilometer entfernt liegt. Zum Vergleich: Zur (ehemaligen) Bundeshauptstadt Bonn, der Personifikation Westdeutschlands also, sind es 500 Kilometer.
  3. Der Unternehmenssitz bleibt in jedem Fall in Bad Schwartau.

Das klingt kaum besorgniserregend — daher verwundert auch der aufgeregte Ton der Meldung. Für mich bleiben daher ein paar offene Fragen:

  1. Weshalb spricht der Text diffus von „Ostdeutschland“, wenn es doch um eine konkrete Gemeinde in unmittelbarer Umgebung geht? Warum wird auch diese nicht konkretisiert? Spielt man hier mit der Angst vor dem Unbekannten?
  2. Warum werden beispielhaft einzelne Unternehmen genannt, die nach Mecklenburg-Vorpommern gezogen sind — aber keine Statistik, um diese Vorgänge einzuordnen? So vermeldete das gleiche Nachrichtenportal im Jahr 2014: Schleswig-Holstein ist Deutschlands Konjunktur-Primus. Auf Platz 3: Mecklenburg-Vorpommern.
  3. Warum spricht der Artikel mehrmals von „Umzug“ und erklärt erst zum Schluss, dass die Pläne gar nicht den Standort des Unternehmenssitzes betreffen, sondern nur ein weiteres Werk?
  4. Ist das Journalismus, der sachlich informiert und nicht verunsichert?

Vielleicht ist es doch ganz harmlos und es geht nur um die allgemeine Angst vor „dem Osten“. Da wir uns hier ja im hohen Norden befinden, ist das eine wunderbare Gelegenheit, dieses Zitat einzuspielen:

15 Gründe, warum die Huffington Post keine Ahnung vom Osten hat

Wenn wir die Huffington Post nicht hätten: Dann wüssten wir nicht, dass die Bundesrepublik vor allem vom Osten des Landes geprägt wird. Echt wahr! Hier steht’s: „15 Gründe warum in Deutschland heute mehr DDR steckt als jemals zuvor“!

Zugegeben, ein paar Dinge kennt man: die Merkel (alter Hut für uns), der Gauck (hamwa längst gewusst), aber auch: Der Gysi. Sind schon mal drei Punkte.

Dann: „Die SPD leidet als westdeutsch geprägte Partei unter erheblichen Bedeutungsverlust“ — also auch ein Punkt für den Osten. Irgendwie: „es gibt gute Gründe anzunehmen, dass zwischen dem Bedeutungsverlust der SPD und der Verschiebung der politischen Kraftzentren in Deutschland ein Zusammenhang besteht.“ Die Gründe hätte man dann doch gerne gewusst, aber soviel Zeit hat man ja nicht.

Vier Punkte. Was haben wir noch, werden sich die engagierten Huffingtoner gefragt haben. Irgendwie müssen die 15 Punkte doch voll werden. Pegida? Quatsch! Lass es uns Schritt für Schritt machen, erstmal eine schnittige These aufstellen: „Die bedeutendsten gesellschaftlichen Diskussionen werden heute im Osten vorangetrieben.“ Sehr cool, das zählt schon mal. Fünf!

Und jetzt diese These unterfüttern: Die Debatte um den demografischen Wandel nahm in Ostdeutschland ihren Anfang (6.), in Sachen Kinderbetreuung sind ostdeutsche Kommunen mittlerweile Vorbild (7.), in der Diskussion um ein modernes Familienbild hängt der Westen zurück (8.), die Energiewende wurde vor allem von westdeutschen Politikern ausgebremst (und ich dachte, das wären die Stromkonzerne gewesen, aber das macht ja keinen Unterschied — 9.), Pegida war ein Phänomen, das im Osten seinen Anfang nahm (also doch, haha! 10!).

Von der Elitenkritik geht’s dann direkt zur Linkspartei (wie naheliegend) und von dort zur AfD (noch naheliegender). 13, zwei fehlen noch. Da haben wir: Mehr Nato-Kritik und den Regierungsumzug nach Berlin. Wenn das mal kein Argument für den Osten ist.

Geschafft! 15mal ganz tolle Gründe, warum der Osten ganz doll das Land prägt. Beziehungsweise: 15 politische Einflüsse. Schade, dass man die Wirtschaft herausgelassen hat (etwa den einzigen Dax-Vorstand ostdeutscher Herkunft), die Kultur (zum Beispiel die Vorbehalte gegen ostdeutsche Regisseure), die Verwaltung (die westdeutsch besetzte Hierarchie in ostdeutschen Behörden) oder einfach nur die alltäglichen Vorurteile bei Fußballfans oder überhaupt.

Aber: Psst — nicht der Huffington Post verraten! Lassen wir sie lieber weiter im Ungewissen:

Wahrscheinlich ist das wohl das eines der größten Rätsel der politischen Gegenwart: Warum nur fühlen sich viele Bürger im Osten immer noch derart unverstanden?

Gedanken des Abstoßens aus dem Westen

„Dann gebt doch Russland die DDR zurück!“ So tönt ein Kommentar der Welt und will ein Beitrag zur Debatte über den Umgang mit Russland sein. Jacques Schuster, Chefkommentator des Blattes, wählt dabei einen recht originellen Einstieg: Er lässt die Realität hinter sich und blickt in etwas, was er als Verdichtung der Meinungen von Matthias Platzeck und Lothar de Maizière bezeichnet. Die einfache Formel: Beide haben Unrecht (deshalb wohl auch „Unrechtsstaat“) und beide kommen von drüben — also denken natürlich alle Ossis so.

Die weiteren Gedankengänge lassen ebenfalls tief blicken: Die Ostdeutschen, aka die neue DDR, handeln in Schusters Phantasterei überhaupt nicht: Sie entscheiden nicht selbst über ihren Austritt aus Deutschland und dem Beitritt zu Russland — nein: Westdeutschland tut dies. Anschließend werde der Kreml die Richtung vorgeben. Souveränität? Doch nicht für Ossis!

So ist also der Osten Deutschlands, wie ihn der Westen gerne sieht: Kollektive Meinung, fremdgesteuert. Als hätte die DDR nie aufgehört zu existieren.

Wer sich den vollständigen Text nicht antun möchte, hier die wichtigsten Zitate fürs Poesiealbum:

Am 1. Januar 2015 sollten alle Bürger der alten Bundesländer in einem Akt der Volkssouveränität erklären, die neuen Bundesländer aus dem Verbund der Bundesrepublik Deutschland zu entlassen. Die DDR soll wieder entstehen.

Zwar könnte es sein, dass die Menschen in der neuen DDR ohne die Solidaritätszuschläge und die Hilfen der EU ärmer sein werden, aber es wird schon gehen. Es ging doch damals auch.

Nun schreibt er sich um Kopf und Kragen, werden einige Leser an dieser Stelle denken. Hoffentlich! So abwegig, wie sie klingen, sind diese Sätze jedoch nicht. Sie verdichten den kulturellen Snobismus, die Überheblichkeit und sonstigen geistigen Ausdünstungen, die man in den vergangenen Monaten hierzulande zu hören bekam, nur zu einer gewaltigen gastrischen Explosion.

Es täte ihrem außenpolitischen Gewicht und der eigenen Gelassenheit gut, wenn die Deutschen wieder begönnen, über den Tag hinaus zu denken, und sich daran gewöhnten, dass Konflikte Jahrzehnte währen können. Gelingt es uns nicht, diese Fähigkeiten zu entwickeln, ist es mit unseren Werten, Traditionen und der Freiheit genauso schnell vorbei wie mit unserer Westbindung. Vielleicht aber wünschen einige der Mahner genau dieses.